Home
http://www.faz.net/-gyl-703yp
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Automatisierung Roboter für mehr Arbeitsplätze

 ·  Maschinen galten lange als Bedrohung für Arbeitnehmer. Doch neue Prozesse und Produkte schaffen Arbeit, gerade im Mittelstand. Es braucht dafür nur etwas Geduld.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)
© Dürr Tanz der Maschinen: Die Roboterarme des Anlagenbauers Dürr haben viele Lackierer in der Automobilbranche ersetzt

Lange Zeit waren Automatisierungsprozesse als „Jobkiller“ verschrien, und tatsächlich können viele Maschinen inzwischen fast ohne menschliches Zutun gesteuert werden. Zugleich haben solche Entwicklungen dazu geführt, dass an anderer Stelle mehr Menschen gebraucht werden. Etwa im Schwarzwaldort Trossingen, wo sich das Unternehmen Haas Schleifmaschinen den immer komplexeren Anforderungen seiner Kunden stellen muss.

Mit den Haas-Maschinen werden zum Beispiel Kniegelenke geschliffen oder auch Turbinenschaufeln für Flugzeuge. Längst geht es nicht mehr nur um den Bau von Anlagen, die ein Werkstück millimetergenau bearbeiten. „Der Kunde denkt nicht mehr in Geräten, er fordert von uns Komplettlösungen für die Herstellung von Teilen“, formuliert es Haas-Inhaber Dirk Wember. Sprich: Die Maschine soll flexibel, genau und zugleich kostengünstig arbeiten, und das am besten Tag und Nacht und dazu noch vollautomatisch. „Dafür müssen wir den Roboter in die Werkzeugmaschine integrieren“, beschreibt Wember die Anforderung an seine Mitarbeiter. In der Fabrik seines Kunden wird damit vielleicht die „mannlose Fertigung“ angestrebt, aber für Haas bedeutet es: „Wir müssen mehr Mitarbeiter haben, um die Kundenwünsche erfüllen zu können. Und nur mit solchen Innovationen können wir unsere Arbeitsplätze sichern.“

Nun ist Haas Schleifmaschinen mit einem Jahresumsatz von 20 bis 30 Millionen Euro und gut 110 Beschäftigten kein Großkonzern und kann daher stets nur eine Handvoll Fachkräfte neu einstellen. Aber was ist mit den Beschäftigtenzahlen in der Fläche? Schaffen sich die Arbeitnehmer durch immer neue Innovationen selbst ab? In der Summe des deutschen Mittelstandes haben Forscherlust und Innovationsgeist doch eine spürbare positive Auswirkung auf die Beschäftigtenzahlen, sagt Norbert Irsch, der Chefvolkswirt der staatlichen Förderbank KfW. „Das gilt sowohl für Produktinnovatoren als auch für Prozessinnovatoren“, betont er.

Um zu diesem Fazit zu kommen, haben die KfW-Ökonomen ihr jährliches umfangreiches Mittelstandspanel noch einmal genau durchforstet; ein Panel, das für sich in Anspruch nimmt, als einzige Untersuchung regelmäßig die Gesamtheit der 3,8 Millionen deutschen Betriebe bis zu einer Umsatzgrenze von 500 Millionen Euro repräsentativ abzubilden.

Mittelständler mit Innovationsfreude schaffen viele Stellen

Eine der beiden zentralen Erkenntnisse, die sich aus diesen jüngsten KfW-Untersuchungen ergeben haben, lautet: Mittelständler mit überdurchschnittlich hoher Innovationsfreude bauen mehr Arbeitsplätze auf als Betriebe, die weniger Lust am Forschen und Entwickeln zeigen. Das gilt noch stärker im Verarbeitenden Gewerbe als für die Dienstleister (siehe Grafik). Die zweite Erkenntnis der Forscher: Innovationen wirken auch in Zeiten, in denen es mit der Konjunktur bergab geht, als Stütze des Arbeitsmarktes. Zwar müssen auch forschungsintensive Betriebe Personal abbauen, wenn die Geschäfte schlechter laufen. „Aber salopp gesagt: Sie bauen in solchen Zeiten weniger Stellen ab“, resümiert der KfW-Ökonom Volker Zimmermann, der die Studie maßgeblich erstellt hat.

Dass neue Produkte zu mehr Umsatz führen können und dadurch auch zu neuen Stellen, erschließt sich leichter, wenn man bedenkt, dass in diesem Fall häufig nicht nur in der Entwicklung und Produktion, sondern auch in Vertrieb und Marketing mehr Arbeit anfällt. Anders dagegen Prozessinnovationen: Hier liegt zunächst die Vermutung nahe, dass die Einführung etwa eines vollautomatischen Hochregallagers am Ende weniger Mitarbeiter bedeutet. „Automatisierung kann Arbeitsplätze kosten“, räumt Irsch ein. „Aber wenn sie das Unternehmen wettbewerbsfähiger macht und wenn durch Prozessautomatisierung der Absatz von Produkten gefördert wird, dann sorgt das im Lauf der Zeit für eine Produktionsausweitung. Und das kann den ursprünglichen Stellenabbau überkompensieren.“

Bis zur Markteinführung kann ein Jahrzehnt vergehen

Allerdings brauchen solche Prozesse, genauso wie Produktinnovationen, ihre Zeit, ergänzt Ludwin Monz, der Vorstandsvorsitzende des Medizintechnikunternehmens Carl Zeiss Meditec. „Wir wollen und müssen ständig Innovationen in den Markt bringen. Aber von der ersten Idee bis zur Markteinführung können in der Medizintechnik jedoch oft bis zu zehn Jahre vergehen“, erläutert er. Und die Belegschaft profitiere am Ende dieses Prozesses deutlich mehr als zu Beginn. „Selbst große Entwicklungsteams umfassen bei uns kaum mehr als 20 bis 30 Mitarbeiter. Für die Entwicklung einer Produktinnovation kommen so anfangs allenfalls ein paar neue Kräfte dazu. Der Personalaufbau ist weitaus stärker, wenn ein neues Gerät an den Markt kommt“, sagt Monz.

Als Beispiel nennt der Zeiss-Meditec-Chef die Entwicklung eines neuen Mikroskops für die Neurochirurgie, die sein Unternehmen über Jahre hinweg betrieb. Durch das Gerät erhielten die Chirurgen im Operationssaal deutlich verbesserte Möglichkeiten etwa in der Entfernung von Tumorgewebe, erläutert er. Das Segment Mikrochirurgie von Zeiss Meditec sei aufgrund solcher Innovationen zwischen 2004 und 2010 um rund 70 Prozent im Umsatz gewachsen, „und in derselben Zeit haben wir die Mitarbeiterzahl dort um 60 Prozent erhöht“, sagt Monz.

Wasser in den Wein

Insgesamt bietet der deutsche Mittelstand also ein recht erfreuliches Bild mit seinen Forschungs- und Beschäftigungserfolgen. Aber ein wenig Wasser gießt KfW-Chefvolkswirt Irsch dann doch in den Wein. Deutschland konzentriere seine Innovationen sehr auf hochwertige Technologien in ausgewählten Branchen, insbesondere dem Automobil- und Maschinenbau sowie der Chemie. „Das geht zu Lasten der Spitzentechnologien, in denen wir nicht so gut vertreten sind“, warnt er und nennt als Beispiele die Bio- und Nanotechnologie sowie die Entwicklung neuer Materialien.

Auch dass die Quote der Forschungs- und Entwicklungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt hierzulande nur rund 2,8 Prozent erreicht, macht ihm Kummer. Mit genau derselben Quote lag Deutschland im Jahr 1981 noch an der Spitze der Industrieländer, erläutert Irsch, „aber inzwischen sind andere an uns vorbeigezogen, und wir sind auf Rang 10 abgerutscht.“ Ganz oben in der Liste steht nun Israel mit einer F&E-Quote von 4,4 Prozent, vor Finnland und Schweden. Auch die Vereinigten Staaten liegen mit einem Wert von 2,9 Prozent knapp vor Deutschland. Zwar könne die Bundesrepublik nicht in allen neuen Entwicklungen führend sein, räumt Irsch ein. „Aber das Ziel sollte sein, in allen Querschnittstechnologien in der Spitze mit dabei zu sein.“

Das vielzitierte „innovationsfeindliche Klima“ gebe es in Deutschland gar nicht, ist Irsch überzeugt; allenfalls einzelne Felder wie die Gentechnik stießen auf erheblichen Widerstand. Dennoch sollten die Forschungsanstrengungen der Unternehmen seiner Ansicht nach auch vom Staat noch stärker unterstützt werden. „Eine steuerliche Forschungsförderung für den Mittelstand könnte helfen, die kontinuierliche Forschung auch in die kleineren Betriebe zu bringen“, sagt er.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1966, Redakteur in der Wirtschaft.

Jüngste Beiträge