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Auswandern "Man fühlt sich fremd und wird als Fremder behandelt"

19.07.2004 ·  Etwa 120 000 Deutsche haben 2003 ihrer Heimat den Rücken gekehrt. Trotz Sonnensehnsucht sollten Emigranten einen kühlen Kopf behalten.

Von Ursula Kals
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Das Klischee trifft zu. Alles soll irgendwie schöner und unbelasteter werden. Auswanderer träumen vom besseren Leben am liebsten in Kanada, Nordamerika, Spanien oder am Ende der Welt in Australien und Neuseeland. Auch Ärger über den Reformstau eines lahmen Landes ist ein immer öfter genanntes Motiv. Etwa 120 000 Deutsche haben 2003 ihrer Heimat den Rücken gekehrt. Offiziell. Fachleute schätzen die Dunkelziffer hoch ein: Viele Emigranten melden sich spät oder gar nicht ab, um ihre Ansprüche aus Renten- und Sozialversicherung zu behalten.

Zwei Typen von Auswanderern erlebt Monika Schneid, Leiterin der Informationsstelle des Raphaels-Werks, dem "Dienst am Menschen unterwegs e.V.", in der Hamburger Adenauerallee: "Da sind die gut Ausgebildeten, die die hohen Einwanderungshürden der Nicht-EU-Länder bewältigen. Sie klären gezielt Sachfragen. Besonders Führungskräfte sind oft gut vorbereitet. Die anderen 50 Prozent sind die Mittellosen, die hier keine Chancen haben und nicht auf die Beine kommen, aber Stereotypen von einem preiswerteren Leben in einem warmen Land im Kopf haben. Sie haben eventuell Möglichkeiten in EU-Staaten, in denen gezielt Handwerker und Facharbeiter gesucht werden." Gerade bei den Mittellosen und ihrer Nix-wie-weg-Motivation tut Aufklärung not, betont die stellvertretende Generalsekretärin der kirchlichen Einrichtung. "Die meinen, sie fahren weg, und die Probleme, die sie haben, die bleiben hier."

Chronisch Kranke sind chancenlos

Gründliche Information ist ohnehin das A und O einer gelungenen Auswanderung. Das Raphaels-Werk hilft kostenlos, bietet aber keine Rechts- oder Steuerberatung. Die begehrten Länder betreiben oft eine aktive Einwanderungspolitik. Sie fordern ein polizeiliches Führungszeugnis und einen Gesundheitscheck. Chronisch Kranke sind chancenlos: Bewerber müssen sich auf Herz und Nieren prüfen lassen, und das ist wörtlich gemeint. Gefordert werden überdies eine gute Ausbildung und möglichst Berufserfahrung. Welche Berufe gerade gefragt sind, das schwankt und wird vom aktuellen Arbeitsmarkt diktiert.

Je nach Lage gibt es hier viele oder wenig Punkte. Früher konnten Mitarbeiter der Informationstechnologie kräftig punkten, aber das war einmal. Einige der klassischen Auswanderländer fordern Sprachtests. Individuell sind wiederum die Altersvorgaben. So darf ein Antragsteller für Australien nicht älter als 44 Jahre sein. "Ideal ist ein Alter zwischen 30 und Ende 30", sagt Monika Schneid. Nach ihrer Einschätzung haben 40 Prozent der Ratsuchenden eine Chance auf Einwanderung. Aber auch die müssen sich in Geduld üben: Allein die Bearbeitung der Anträge dauert leicht ein Jahr. Was unverständlich ist: Keineswegs alle ernsthaft Auswanderwilligen waren bereits in ihrem Zielland. Wer aber Neuseeland nur mit dem Finger auf der Landkarte bereist und in Tolkien-Verfilmungen geschwelgt hat, der ist unter Umständen maßlos frustriert, daß auch dort die Großstadt lärmt und der Alltag hart ist. "Wir raten zunächst: hinfahren! Egal, ob Belgien oder Samoa das Wunschland ist. Und nicht nur das Familienoberhaupt sollte zur Orientierungsreise aufbrechen."

Beherrschen der Landessprache ist unerläßlich

Das Auswandern ist die eine Sache, das bewußte Einwandern oft eine ganz andere. Unerläßlich ist das Beherrschen der Landessprache. "Ein wunder Punkt", meint die studierte Ethnologin. Diesen Integrationsfaktor unterschätzten viele in der naiven Hoffnung, das karge Schulenglisch oder die rudimentären Spanischkenntnisse schon vor Ort aufpolieren zu können. Aber selbst ein Land der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten bietet dem Sprachunkundigen nur begrenzte Perspektiven. "Welcher Deutsche will denn in einem Schlachthaus arbeiten, wo kaum gesprochen wird? Viele Flüchtlinge in den USA arbeiten aber genau dort."

Auch der Sonderfall Mallorca konfrontiert mit Sprachproblemen. Während die Verkehrssprache Mallorquin ist, ist die Schulsprache Katalanisch, die erste Fremdsprache in der Schule aber Kastilisch. Das ist alles andere als ein Kinderspiel, zumal der Nachwuchs mitunter noch die Muttersprache erprobt. Ohnehin sollten die langfristigen Berufsperspektiven gerade der zweiten Generation der Mallorca-Auswanderer kühl reflektiert werden - Fincafreude hin oder her. "Was sich die Leute vor Augen halten sollten: Der, der auswandert, der ist erst einmal fremd. Man fühlt sich nicht nur fremd. Man wird auch als Fremder behandelt und muß stark dazu beitragen, sich zu integrieren." Dazu gehört es, unkonventionell reagieren zu können und kompromißbereit zu sein. Andere hygienische Rituale können in einem Land, das unter Wassermangel leidet, sinnvoll, da ressourcenschonend sein und sind kein Indiz für schlampige Verhältnisse. Statt den Alltag zu bewerten, ist eine wohlwollend neutrale Haltung dienlicher.

Gescheiterte Auswanderer

Trotz aller Sonnen-Fernweh-Sozialromantik geht ohne Geld nichts. Mindestens ein halbes Jahr muß ein Auswanderer über die Runden kommen und ein Polster haben - zur Not auch für eine Rückkehr. In den Büros der Konsulate stranden immer wieder gescheiterte Auswanderer, die um ein One-way-Ticket nach Hause bitten.

Wichtiger noch ist die Partnerfrage. Nicht wenige Beziehungen zerbrechen, wenn der Partner keine Arbeitsgenehmigung erhält und keine adäquate Arbeit findet. Die lässige "Du-kriegst-schon-was"-Haltung dient einer ambitionierten Ärztin wenig, die in den Tropen allenfalls als Billig-Pflegekraft beschäftigt wird. Gerade bei medizinischen und juristischen Berufen und im Ingenieurwesen wird die Ausbildung nicht ohne weiteres vom Berufsfachverband im Einwanderungsland anerkannt. "So etwas produziert dann die promovierten Taxifahrer auf Kanadas Straßen", warnt Schneid.

Risikolos ist ein Länderwechsel nie

Ebenso relevant ist die oft unterschätzte Kinderfrage. Immer wieder kommt es vor, daß sich eine Familie zum Gesprächstermin in den Beratungsstellen des Raphaels-Werks einfindet und die Kinder aus allen Wolken fallen, wenn ihnen klar wird, daß sie für immer und ewig in dem fernen Land leben sollen. Vorab geklärt werden muß die Schulsituation. Möglicherweise bietet nur eine Privatschule den vertrauten Standard. Die kostet aber 250 Euro im Monat. Bei drei Kindern kann das zum Problem werden.

Relevant ist auch die Frage, ob diese Abschlüsse später in Deutschland anerkannt werden. Risikolos ist ein Länderwechsel nie. Während sich manche Kinder entwurzelt fühlen, neigen andere dazu, sich überanzupassen. Fremdenfeindlichkeit kann gerade die Jüngsten hart treffen. "Das müssen die Eltern im Blick haben und möglicherweise eingreifen." Manchmal sind die Eltern machtlos. So wie bei der Familie aus Lübeck, die nach einem Jahr aus Norwegen zurückkehrte: ihr Kind kam mit der Schule einfach nicht zurecht.

Emotionale Entscheidung und Wagnis

Einen Sonderfall unter den Auswanderern stellen die Rentner da. Wenn sie ihren deutschen Haushalt auflösen und die Koffer packen, dann sind sie fit und genußfroh. Diese Aufbruchstimmung soll ein Gedanke an Pflegeversicherung, Krankheit oder Tod nicht trüben. Was aber geschieht, wenn der Partner stirbt? Der Pauschalrat lautet, nicht alle Brücken abzubrechen. Das hört sich einfach an, ist aber beispielsweise nach einem Wegzug in das noch immer billige Venezuela schwierig, allein schon aufgrund der Flugkosten. Beim Wechsel in die zunehmend beliebtere Türkei ist das einfacher, hier aber dürfen islamische Verhältnisse nicht ausgeblendet werden. Schatten gibt es auch im Sonnenparadies. Viele deutschsprachige Ärzte im Ausland behandeln nur Privatpatienten. Das kann teuer werden.

Auswandern ist zu weiten Teilen eine emotionale Entscheidung und ein Wagnis, das Menschen mit starkem Sicherheitsbedürfnis gar nicht erst eingehen. "Ein klassischer Bedenkenträger, der wandert nicht aus", sagt Monika Schneid. Aber der Bedenkenträger wäre wahrscheinlich besser informiert über Steuern, Sozialversicherung, Freizügigkeitsregelungen in der EU. Mitunter aber wird aus einer fünf- bis zehnjährigen Auslandstätigkeit eine Auswanderung. "Hochqualifizierte Leute waren in der Tendenz schon immer mobil", bestätigt Thomas Haldenwang, "seit fünf Jahren sind die Anfragen zum Auswandern insgesamt auf gleichem Niveau geblieben." Eine Auswanderwelle, wie sie gelegentlich beschworen wird, kann der Regierungsdirektor des Bundesverwaltungsamts nicht ausmachen. Er registriert aber Anfragen vieler Jüngerer, die eine gewisse Zeit ins Ausland gehen möchten, "mit dem erklärten Ziel, ihre Karriere in Deutschland zu festigen".

Ein Netzwerk von 80 Beratern hilft kostenlos weiter

Informationsschriften gibt die "Informationsstelle für Auswanderer und Auslandstätige, Auskunftserteilung über ausländisches Recht" beim Bundesverwaltungsamt Köln heraus. Eine Liste der Inhaltsverzeichnisse finden sich unter www.bundesverwaltungsamt.de. Auf der Homepage des Amts gibt es auch ein Verzeichnis der rund 50 bundesweit eingerichteten Auswandererberatungsstellen gemeinnütziger Wohlfahrtsverbände (Deutsches Rotes Kreuz, Diakonisches Werk, Raphaels-Werk). Auskunft auch unter der Telefonnummer 01 88 83 58-49 99. Unter der Abkürzung Eures, European Employment Services, gibt es ein Netz von Auswanderungsberatern im europäischen Wirtschaftsraum. Die 80 Profiberater in Deutschland sind anzutreffen in den Agenturen für Arbeit oder in den Beratungsstellen der Wohlfahrtsverbände. Sie beraten kostenlos. Weitere Informationen unter www.raphaels-werk.de. Hier finden sich ebenso Hinweise über eine mögliche Rückkehr.

Gute Tips bieten die Bücher der Reihe "Working and Living in . . ." des britischen Verlags Survival Books.

Auf die psychologischen Aspekte des Auswanderns macht Burkhard Riedel in seinem Buch "Lebe Deinen Traum" (Droemer Knaur Verlag) aufmerksam. Nützliche Tips bietet Birgit Adam: "Neues Land, neues Glück. Wie Ihr Traum vom Auswandern Realtität wird." (mvg Verlag, Frankfurt)

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.07.2004, Nr. 164 / Seite 53
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Jahrgang 1964, Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

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