07.09.2004 · Go East: Mit der Schule des Deutschen Rechts nach Krakau. In der traumhaften Kulturhauptstadt soll deutschen Studenten das polnische Rechtssystem nahegebracht werden.
Von Ursula KalsEhrgeizige deutsche Jurastudenten zieht es in renommierte amerikanische Kanzleien. Ein Praktikum in einer Chicagoer Sozietät poliert die Englischkenntnisse und den Lebenslauf auf, ein Aufenthalt in Boston ist supercool und prestigeträchtig. Warum nach Amerika gehen? Das Gute liege doch so nah, konkret in Krakau, sagt Rolf Schwartmann: "Osteuropa ist eine Nische für diejenigen, die nicht auf dem Mainstream schwimmen wollen." Der Privatdozent am Lehrstuhl für Öffentliches Recht, Völker- und Europarecht der Universität Mainz ist Geschäftsführer der "Schule des Deutschen Rechts". Sie wurde vor sechs Jahren von den Universitäten Heidelberg, Mainz und Krakau gegründet. Inzwischen gibt es derartige Initiativen auch in Bonn und Berlin, das enge Kontakte zur Uniwersytet Wroclawski hält.
Ziel der Juristischen Fakultäten: Polnische Studenten erhalten eine kompakte Einführung in das deutsche und europäische Rechtswesen. Bei der Schule des Polnischen Rechts soll deutschen Studenten das polnische Rechtssystem nahegebracht werden. Längst ist die Europäische Union von 15 auf 25 Staaten gewachsen, und osteuropäische Länder werden wichtigere Wirtschaftspartner. Polen ist mit annähernd 38 Millionen Einwohnern das größte Beitrittsland und hält enge Wirtschaftsbeziehungen zu Deutschland.
Chancen der Ost-Erweiterung
Die Entfernungen sind kurz, aber die Skepsis ist groß. "Man denkt, da ist alles furchtbar, das ist Entwicklungsland. Aber gerade das 750.000 Einwohner zählende Krakau ist eine traumhafte Kulturhauptstadt mit einem sehr gut erhaltenen historischen Innenstadtkern. Und die Lebensart der Leute hat fast etwas Südländisches. Es hört sich abgedroschen an, aber dort ist es ein bißchen ehrlicher als es hier ist", schwärmt Schwartmann.
Die polnischen Studenten scheinen ehrgeizig entschlossen, die Chancen der Ost-Erweiterung zu nutzen, und beeindruckten oft mit sehr guten Deutschkenntnissen. Die sind auch vonnöten, denn die Rechtskurse in Krakau wie auch die Kurse für Polen in Mainz und Heidelberg werden auf deutsch abgehalten. Die Motivation der polnischen Studenten, von denen etwa 60 Prozent Frauen sind, lobt der 39 Jahre alte Dozent ausdrücklich. "Sie betrachten die Uni weniger als Service-Einrichtung, sondern sehen ihre Aufgabe auch darin, sich einzubringen."
Große Flexibilität
Die Flexibilität, sich auf neue Situationen einzustellen, sei zum Glück groß. Denn in der polnischen Juristenausbildung liege ein Schwerpunkt im Reproduzieren. Um aber zu verstehen, wie das deutsche auf Eigentum ausgerichtete Rechtssystem funktioniert, müssen die Studenten ein großes Abstraktionsvermögen haben. In elf Wochenendkursen bringen ihnen deutsche Professoren ihre Fächer näher, Schwerpunkt ist das Wirtschaftsrecht. Die Wissenschaftler erhalten eine kostenlose Unterkunft, im übrigen lehren sie ehrenamtlich.
Umgekehrt klappt der Austausch ebenso. Über das "Go East"-Programm des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) werden etwa 25 Plätze für deutsche Jurastudenten in Krakau angeboten. Dieses Angebot der "Schule des Polnischen Rechts" gibt es erst seit einem Jahr, und es hat sich offenbar noch nicht genügend herumgesprochen. Oder, wie der Jurist bedauernd interpretiert: "Ein Auslandsaufenthalt in Polen hat die Wahrnehmungsebene der Studenten erreicht, aber er ist nicht en vogue."
Kontakte zur Wirtschaft
Die Bewerberzahlen für die auf deutsch abgehaltenen Kurse sind bisher bescheiden: Etwa 30 deutsche Interessenten bemühen sich um das Angebot, einige Monate an der mehr als 600 Jahre alten Jagiellonischen Universität in Krakau studieren zu können. Dieses Fachprogramm in polnischem Wirtschaftsrecht mit internationalen Bezügen findet im Sommersemester an der Juristischen Fakultät in Krakau statt. Es steht auch interessierten Juristen ohne DAAD-Stipendium offen, die polnisches Zwangsvollstreckungs- oder Sachenrecht kennenlernen möchten. Begleitend findet ein Polnisch-Intensiv-Sprachkurs statt.
An junge deutsche wie polnische Studenten richtet sich das Graduiertenkolleg, das vor zwei Jahren eingerichtet wurde. Im engen Austausch mit Krakauer Professoren werden 15 Stipendien zur Promotion vergeben. "Diese Kandidaten müssen aber wirklich supergut sein", sagt der Privatdozent.
Und schließlich haben die Wissenschaftler Kontakte zur Wirtschaft geknüpft: Den etwa zehn besten polnischen Studenten werden Praktika in Deutschland vermittelt, sie arbeiten bei Hoechst, Aventis, der MVV Energie AG oder in großen Kanzleien. "Das ist für die Unternehmerseite interessant", sagt Rolf Schwartmann, denn sie erfahren aus erster Hand etwas über osteuropäische Mentalität. "Die jungen Polen stellen sich durch die Bank ganz ausgezeichnet an." Gerne vermittelt er Kontakte für interessierte Unternehmen. Die Firmen zahlen den Praktikanten Unterkunft, ein Taschengeld und die An- und Abreise. In der Regel dauern die Praktika zwischen vier und sechs Wochen.
Ursula Kals Jahrgang 1964, Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.
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