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Auslandssemester in Südeuropa : Krise statt des lustigen Studentenlebens

  • -Aktualisiert am

Bild: Peter von Tresckow

Nicht nur Sonne und Strand: Austauschstudenten begegnen im Süden Europas auch Krisenstimmung, Wut und Frustration. Dennoch gehen sie weiter gerne dorthin - und machen wichtige Erfahrungen.

          An diesem einen Tag hatte sie einfach nicht nachgedacht. War aus dem Haus gegangen, hatte sich in die U-Bahn gesetzt, um Kommilitonen zu treffen. Einfach so, ohne vorher zu prüfen, ob irgendwo ein Streik oder eine Demonstration die Stadt lahmlegte. Schon in der U-Bahn-Station merkte sie, dass etwas nicht stimmte. Ihre Augen brannten. Tränengas. Schnell an die frische Luft. Plötzlich überall Lärm. Hunderte Menschen laufen in der Mittagshitze durcheinander, tragen Verletzte über den Syntagma-Platz in Athen. „Da habe ich mich schnell wieder in die Bahn gesetzt und bin weitergefahren“, sagt Cornelia Schäffer, Jurastudentin aus Heidelberg.

          Die 22-Jährige verbrachte das fünfte und sechste Semester ihres Studiums in Athen - und steckte plötzlich mitten in der Euro-Krise. „Ich wollte für ein Jahr ins Ausland, gerne in den Süden. Da ich in der Schule Altgriechisch gelernt hatte und das Land einfach schon immer spannend fand, wurde es dann Griechenland“, erklärt sie. Dass sich in dem hochverschuldeten Land gerade die Krise zuspitzte, spielte für sie keine große Rolle. „Natürlich habe ich mir vor meiner Abreise Gedanken gemacht, ob es in Athen sicher ist“, sagt sie. Nicht zuletzt um ihre Eltern zu beruhigen, informierte sie sich beim Auswärtigen Amt. Als die Fachleute Entwarnung gaben, setzte sie sich in das Flugzeug nach Athen. „Ich dachte, es würde doch interessant sein, die Krise von nahem zu erleben.“

          Vor allem Spanien ist beliebt

          Griechenland, Spanien, Italien, Portugal: Viele Studenten zieht es für ein Auslandssemester in den Süden. Vor allem Spanien ist beliebt - und das nicht nur unter sonnenhungrigen deutschen Studenten. An Erasmus, dem weitaus wichtigsten Austauschprogramm für Studierende in Europa, nahmen im vergangenen Studienjahr 230.000 Studierende teil; knapp 35.000 gingen nach Spanien. Die Universitäten in Granada, Valencia und Madrid ziehen besonders viele Studenten an. „Etwa 30 Prozent unserer Erasmus-Studenten gehen jedes Jahr nach Griechenland, Spanien, Portugal und Italien“, sagt Almuth Rhode, Leiterin der Internationalen Programme an der Universität Frankfurt. „Beliebtestes dieser vier Zielländer war und ist Spanien.“ An den Lieblingsländern der Studenten habe sich durch die Euro-Krise nichts geändert, sagt Rhode.

          Das sei typisch für die meisten deutschen Hochschulen, sagt Siegbert Wuttig, im Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) Leiter der Nationalen Agentur für EU-Hochschulzusammenarbeit. Wuttig hat in einer Blitzumfrage siebzig deutsche Hochschulen gefragt, ob ihre Studenten inzwischen einen Bogen um krisengeplagte Euroländer machen. Immerhin titeln in den Krisenländern seit der Debatte um Spardiktate manche Zeitschriften mit Bildern der deutschen Kanzlerin im Hitler-Kostüm. Und in Spanien legten Studenten mit ihren Demonstrationen und Protesten tagelang die Hauptstadt Madrid lahm. Statt Sonne, Strand und südländischer Feierlaune erwarten Erasmus-Studenten also nicht selten Krisenstimmung, Wut und Frustration. Doch die Umfrage zeigt: Studenten lassen sich von der Eurokrise nicht in der Wahl ihres Ziellandes beeinflussen. Wuttig wundert das nicht: „Fremdsprachliche und interkulturelle Kenntnisse sowie fachliche Kompetenzen kann man sich ja in den sogenannten Krisenländern trotzdem erwerben“, sagt er. Und in Krisenzeiten sei es doch umso wichtiger, dass die betroffenen Länder nicht isoliert würden.

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