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Ausbildung Unternehmen entdecken die Hauptschule

 ·  Vorbei die Zeiten, als Personalchefs sich den Wunschkandidaten aussuchen konnten. Heute bemühen sich die Konzerne auch um Schüler mit schlechten Noten.

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© dapd Auch in diesem Jahr wird es wohl wieder mehr freie Lehrstellen als unversorgte Bewerber geben.

Schulabschluss im Betrieb nachholen

Der Mangel an „ausbildungsreifen Bewerbern“ hat den Chemiekonzern BASF zu einem Strategieschwenk bewegt. Vom kommenden Jahr zieht sich der größte private Arbeitgeber in Rheinland-Pfalz aus dem regionalen Ausbildungsverbund zurück. Statt wie bisher rund die Hälfte der Lehrlinge für Partnerunternehmen zu schulen, will das Unternehmen in Ludwigshafen von 2013 an schwächere Schulabgänger fördern, um diese trotz ihrer schulischen Defizite für einen Einstieg bei der BASF fit zu machen. In diesem Jahr bildet der Konzern am Stammsitz 950 Bewerber aus, davon nochmals etwa 300 für den Verbund. Darüber hinaus würden zunächst 250 Schüler im Rahmen einer berufsvorbereitenden Qualifizierung fortgebildet, das Angebot soll später auf 300 ausgeweitet werden.

Der Konzern benötigte schon deshalb mehr eigene Ausbildungsplätze, um die demographische Lücke zu füllen, sagt Personalchef Hans-Carsten Hansen. Die Zahl der Schulabgänger sinke, zugleich steige der Eigenbedarf der BASF an Facharbeitern. Niemand solle verlorengehen, nur weil er in der Schule schlechte Noten habe, aber sonst Leistungsbereitschaft zeigte. Um auch schwächere Abgänger zu motivieren, weitet der Konzern seine bestehenden Angebote deutlich aus: So können künftig Bewerber ihren Hauptschulabschluss im Laufe der Qualifizierung nachholen, zudem wird die Altersgrenze von 20 auf 25 Jahre hochgesetzt. In Ludwigshafen, am größten Chemiestandort der Welt, beschäftigt der Konzern mehr als 33 000 Menschen.

Förderschüler im Porsche-Werk

Förderschüler und Porsche - dieses Wortpaar will nicht so recht zusammenpassen. Doch es gibt ihn, den ehemaligen Förderschüler, der bei dem Sportwagenbauer heute im zweiten Ausbildungsjahr zum Kraftfahrzeug-Mechatroniker steht: „Der Junge hat im Bewerbungsgespräch so herausgestochen“, heißt es bei Porsche über den Kandidaten. Dass es solche Bewerbungen überhaupt gibt, liegt wohl daran, dass aus dem Hause Porsche immer wieder über außergewöhnliche Karrieren berichtet wird.

Betriebsratschef Uwe Hück, selbst in einem Kinderheim aufgewachsen, kümmert sich privat um Jugendliche, die es aus der Kurve getragen hat, was manchmal auch zur Bewerbung bei Porsche führt. Und ganz offiziell lautet die Politik von Porsche, dass 40 Prozent aller Lehrstellen mit Hauptschülern besetzt werden. „Wir haben natürlich genug andere Bewerber“, heißt es bei Porsche. „Aber es ist uns ein Anliegen, dass die Hauptschüler nicht hinten runterfallen. Wichtiger als gute Noten sind ein paar Tropfen Benzin im Blut und eine hohe Motivation für die nächsten Jahre.“ Porsche hat aktuell 325 Auszubildende in der Region Stuttgart, im neuen Lehrjahr starten 150 Lehrlinge. Weitere vier Dutzend junge Menschen werden am Standort Leipzig ausgebildet.

Einjähriges Praktikum

Die Deutsche Telekom bietet seit 2009 jungen Leuten, die eigentlich durch den Rost fallen würden, eine auf „Problemfälle“ zugeschnittene Ausbildungsvorbereitung. Bis zu 150 Jugendliche, die mindestens ein Jahr lang erfolglos nach einer Lehrstelle gesucht haben, sollen in diesem Herbst mit der Einstiegsqualifizierung beginnen. Viele von ihnen haben Lernschwierigkeiten, stammen aus sozial benachteiligten Familien oder beziehen schon selbst Hartz IV.

In einem einjährigen Praktikum werden sie zusammen mit den „regulären“ Auszubildenden an ihr Berufsfeld und die Arbeit in der Telekom herangeführt. Bei Bedarf kümmern sich Sozialpädagogen und andere Betreuer um die verborgenen Talente, helfen bei der Konfliktbewältigung oder vermitteln auch schon mal eine Schuldnerberatung. Möglich ist das Praktikum in den Ausbildungsgängen für IT-Systemelektroniker und für Kaufleute für Bürokommunikation oder Einzelhandel. Von den 61 Jugendlichen, die 2009 an den Start gegangen waren, haben 50 einen Ausbildungsplatz bekommen, und viele von ihnen konnten sogar direkt ins zweite Lehrjahr einsteigen. Auch in den Folgejahren halten sich die Erfolgsquoten auf hohem Niveau.

80.000 neue Eisenbahner

Auch die Deutsche Bahn braucht Nachwuchs. Bis zum Jahr 2015 wird das Durchschnittsalter der Beschäftigten von 45 auf 50 Jahre steigen; immer mehr Fachkräfte erreichen den Ruhestand. In den nächsten zehn Jahren will der Konzern, der zur Zeit fast 290.000 Mitarbeiter in der Welt zählt, deshalb rund 80.000 neue Eisenbahner einstellen. Dafür wird in 500 Berufen ausgebildet; dieses Jahr beginnen 350 der 4100 Neulinge ein duales Studium.

Auch vor schwierigen Fällen unter den Schulabgängern schreckt die Bahn nicht zurück: In dem Qualifizierungsprogramm „Chance plus“ mit 400 Plätzen werden Jugendliche mit Haupt- oder Realschulabschluss, die sich bei der Lehrstellensuche bisher schwergetan haben, auf eine Berufsausbildung oder einen direkten Jobeinstieg vorbereitet. In Anlehnung an die Berufsausbildung wechseln sich für die Praktikanten praktische und schulische Ausbildungsphasen ab.

Usedom sucht den Super-Azubi

Bei der Suche nach guten Fachkräften für morgen hat sich die Hotelgruppe Seetel aus Usedom ein originelles Verfahren einfallen lassen. In Anlehnung an die unzähligen Casting-Shows im Fernsehen sucht das Familienunternehmen die „Super-Azubis“. Am 1. September wird es dazu die zweite Staffel geben. Das Experiment, ein Bewerberverfahren als Casting aufzuziehen, hat Hotel-Inhaber Rolf Seelige-Steinhoff erstmals im Februar gewagt und ist mit dem Erfolg zufrieden.

Dem mit 15 Hotels größten Arbeitgeber auf der Ostseeinsel geht es darum, das in den Bewerbern steckende Potential richtig zu erkennen. Denn aus den Bewerbungsschreiben und Lebensläufen der jungen Menschen sei dies kaum herauszufinden, meint Seelige-Steinhoff. Möglicherweise ist ein Jugendlicher, der eigentlich Koch werden wollte, viel besser im kaufmännischen Hotelfach aufgehoben. Oder auch umgekehrt.

Zu dem Casting oder - ebenfalls neudeutsch - Event-Recruiting können sich die interessierten Schüler online anmelden. Erweisen sie sich als geeignet, winkt ihnen ein Ausbildungsplatz. Der Sieger der Runde erhält einen einwöchigen Gratisurlaub nebst Flug im familieneigenen Hotel auf Mallorca. Im vergangenen Jahr haben sich 20 Bewerber angemeldet, knapp die Hälfte ist am Ende erschienen.

Auch diesmal können die Bewerber während des Auswahlverfahrens kostenfrei übernachten. Im persönlichen Gespräch, beim Bettenmachen, beim ideenreichen Gestalten eines Tisches, beim Erschmecken bestimmter Waren, Spiegeleierbraten oder in einem fiktiven Verkaufsgespräch sollen sie einer kleinen Jury zeigen, was sie drauf haben.

B.K.

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