15.08.2006 · Die 23 Jahre alte Laura Niebuhr ist Fluglotsin in der größten Kontrollzentrale Deutschlands. Die Aufgaben sind verantwortungsvoll. Doch Angst darf sie nicht haben. Eine Reportage über die Arbeit einer Fluglotsin von Anna Loll.
Von Anna LollDen Raum füllt gedämpftes Reden, die Blicke konzentrierten sich auf die Bildschirme, der Blitz des Fotografen könnte stören. „Pst, bitte leise!“ mahnt leicht genervt die Dame rechts mit dem Headset auf dem Kopf. Laura Niebuhr läßt sich durch all das nicht aus der Ruhe bringen. In Jeans und rosa-gelb gestreiftem Hemd sitzt sie unter der Karte des Stuttgarter Luftraums, die an der blaugestrichenen Trennwand aus Holz hängt, und lächelt entspannt. Neben ihr auf dem quadratischen Bildschirm von 70 Zentimeter Durchmesser blinken blaue und gelbe Nummern wild durcheinander, auf dem Tisch liegt ein riesiger Telefonhörer aus hellgrauem Plastik. Es ist Niebuhrs Arbeitsplatz bei der Flugsicherung in Langen bei Frankfurt am Main: Die Dreiundzwanzigjährige ist Fluglotsin.
Die Verbindung zur Luftfahrt hat sie mit in die Wiege gelegt bekommen. Der Vater war Pilot bei Lufthansa. „Pilot wollte ich aber nie werden“, sagt die Tochter. „Dort ist alles sehr vorgegeben, außerdem ist man ständig unterwegs.“ Sie hat sich dagegen die größte Kontrollzentrale Deutschlands als Arbeitsplatz gesucht. 2800 Angestellte der Flugsicherung arbeiten hier, insgesamt sind es in Deutschland 5300. Ein ungewöhnlicher Ort für eine junge Frau? „Überrascht sind schon viele“, sagt Laura Niebuhr. Viele Fluglotsen kann man in Deutschland auch gar nicht treffen, 1800 arbeiten in dem Beruf.
Durch Doppeltüren und Zugangskontrollen gesichert
Überraschend für den Besucher ist in Langen auch die Büroatmosphäre in dem großen Kontrollraum, der streng durch Doppeltüren und Zugangskontrollen gesichert ist: Hohe weiß-graue Plastik-Arbeitsplätze mit roten Rändern reihen sich aneinander, etwas allein gelassen stehen kleine Zimmerpalmen auf dem blauen Filzteppich neben den Trennwänden, die die Geräusche der Kollegen von gegenüber abfangen sollen.
Das Tageslicht, das durch die hinter den Arbeitsplätzen versteckte Fenster scheinen könnte, ist durch Rollos verdeckt: Spiegelungen müßten vermieden werden, das gefährde die Arbeit, erklärt Niebuhr. In Langen wird nicht nur die Luftfahrt in Frankfurt kontrolliert, sondern der gesamte untere Luftraum von Hessen, Nordrhein-Westfalen, dem Saarland und von Teilen Baden-Württembergs. Ab 24.500 Fuß überwachen dann Lotsen aus Karlsruhe den Flugverkehr. Außer den beiden Zentren gibt es noch in Bremen, München und Berlin weitere Kontrollpunkte der Flugsicherung in Deutschland.
„Angst, daß das zu technisch sein könnte“
In Langen sind dem Stuttgarter Luftraum drei der großen Bildschirme zugeordnet, mit deren Hilfe Laura Niebuhr seit einem Jahr die An- und Abflüge kontrolliert. An ihren heutigen Arbeitsplatz ist sie durch eine Einladung gekommen: Ein Bekannter bot ihr an, sich seine Arbeit als Centerlotse anzuschauen. Für Niebuhr war schnell klar, daß das der richtige Beruf für sie ist. „Ich hatte erst Angst, daß das zu technisch sein könnte. Das war dann aber gar nicht so.“ Nach dem Besuch hat sie sich direkt beworben, damals noch in der zwölften Klasse. Das Abitur stand deswegen nicht in Frage, im Gegenteil, es ist Voraussetzung für alle, die als Fluglotse arbeiten wollen.
Wenige von ihnen aber schaffen den Bewerbertest: Nur 5 Prozent verfügen über ausreichende Englischkenntnisse, räumliches Vorstellungsvermögen, genügend Stressresistenz und Teamfähigkeit. Es ist eine anspruchsvolle Tätigkeit. „Langweilen tut man sich nicht“, sagt die Lotsin und schüttelt ihren Kopf mit den kurzgeschnittenen blonden Locken. „Man muß sich eine Reihenfolge für die Flieger ausdenken und sie dann alle auf 4000 Fuß bringen, bevor man sie an den Towerlotsen vor Ort abgeben kann.“ Bis zu 42 Flugzeuge dürfen in Stuttgart pro Stunde starten und landen. Die Verantwortung, die sie für die vielen Menschen an Bord der Maschinen hat, drückt Niebuhr nicht. „Das ist das, was den Reiz der Arbeit ausmacht.“
„Fallschirmspringer sind auch rot“
Niebuhrs Arbeitsabläufe sind klar geregelt, von den Pausenzeiten bis zu den Sprachregelungen, die verwendet werden dürfen. Es wird immer zu zweit gearbeitet, mal übernimmt die Centerlotsin die Stelle des Radarlotsen oder die des Koordinatorlotsen. Welche Tätigkeit sie gerade ausübt, ergibt sich zufällig: Immer nach der alle zwei Stunden fälligen Pause übernimmt sie den Platz des Kollegen, der als nächstes für 30 Minuten oder eine Stunde seine Arbeit unterbrechen kann. Niebuhr macht beide Arbeiten gerne.
Als Koordinatorlotse organisiert sie Flughöhe und Geschwindigkeit der Flugzeuge so, daß sie nicht kollidieren, und spricht sich telefonisch mit den umliegenden Sektoren ab, aus denen die Flugzeuge entweder kommen oder wohin sie fliegen. 20 Minuten vor dem Eintreten der Flieger in den Luftraum bekommt sie deren Daten auf Papier, das in bunte Plastikstreifen eingezogen ist. „Die Roten sind die, um die man herum organisieren muß, die bleiben auf der gleichen Höhe. Fallschirmspringer sind auch rot“, erklärt die Lotsin den Unterschied zu den anderen Farben, die für die Flugrichtungen stehen. Ist alles dann in eine Reihenfolge gebracht, gibt der Radarlotse die Daten an die Piloten per Funk weiter.
„Da habe ich auch mal den Schornstein gesehen“
Außerdem hat er auch immer einen Blick auf das Radar - wie der Name schon sagt. Die Piloten wiederholen zur Sicherheit das Gesagte noch mal, alles läuft auf englisch, auch zwischen Deutschen. „Wichtig ist das Zuhören. Gerade ausländische Piloten können manchmal etwas falsch verstehen“, sagt Laura Niebuhr. Privat unterhalte man sich eigentlich nie, auch wenn man den einen oder anderen Piloten durchs regelmäßige Funken schon kenne. „Vielleicht ist das bei den Towerlotsen anders. Die kennen die Piloten bisweilen auch persönlich.“
Den Arbeitsbereich Stuttgart hat sie sich nicht ausgesucht. Für den fünf Kilometer hohen Luftraum wurden zu dem Zeitpunkt, als sie anfing zu arbeiten, gerade Centerlotsen benötigt. Es ist der einzige Ort, den sie überwachen darf, sonst müßte sie eine komplett neue Schulung machen. Den Flughafen kennt Niebuhr, abgesehen vom Bildschirm, nur durch einen zweitägigen Besuch während ihrer Ausbildung. „Da habe ich dann auch mal den Schornstein gesehen, über den ich die Flieger immer fliegen lasse“, sagt sie und lacht. Mit den Towerlotsen möchte sie aber nicht tauschen. „Ich wollte lieber Centerlotse werden, die Arbeit ist für mich abwechslungsreicher. Außerdem wollte ich in der Region bleiben, aus der ich auch komme“, sagt die junge Frau, die im nahe gelegenen Dietzenbach wohnt.
„Negativ ist schon die Schichtarbeit“
Es ist wahrscheinlich, daß sie bis zu ihrem fünfundfünfzigsten Lebensjahr in Langen bleiben wird; dann gehen die Fluglotsen bereits in Rente. Bis dahin hat sie eine Achttagewoche: fünf Tage arbeiten, dann drei Tage frei. Und das bei guter Bezahlung: Das Anfangsgehalt liegt je nach Einsatzort zwischen 4700 und 6500 Euro brutto. Fluglotse ein Traumjob? „Negativ ist schon die Schichtarbeit. Vor allem Nachtdienste mache ich gar nicht gern.“
Die Schichten wechseln immer von Tag zu Tag, beginnen am Wochenanfang früh und enden dann mit dem Nachtdienst vor dem langen Wochenende. „Stressig wird es auch schon mal. Aber nicht so, daß man die Kontrolle verliert.“ Ihr mache die Arbeit Freude. „Der schönste Moment war, als ich endlich alleine arbeiten durfte.“ Angst, verhängnisvolle Fehler zu machen, hat sie dabei nicht. „Man muß sich schon bewußt sein, daß etwas passieren kann. Aber Angst darf man nicht haben“, sagt sie - und lächelt.