Armin Becker kann Dinge sehen, die andere nicht wahrnehmen. Er sieht, wo vor Christi Geburt einmal ein römischer Wachturm stand. Und wie pompöse Statuen ausgesehen haben, von denen kaum mehr übriggeblieben ist als ein paar lehmverschmierte Bronzestücke.
Und wenn er seinen Blick über den glatt gefegten Lößboden schweifen läßt, dann sieht er, wo die Römer ihre Gräben zogen, in denen das Wasser für ein ganzes Dorf geflossen ist. Armin Becker kann das alles sehen, weil er „die Erde liest“.
Im dicken dunkelgrauen Fleecepullover und klobigen Schuhen steht der Archäologe in einem zwei Meter tiefen Loch, das akkurat in den rötlich-braunen Boden der Grabungsstätte im hessischen Waldgirmes hineingegraben wurde.
Kein romantischer Schatzsucher
Dunkle Verfärbungen und helle Flecke, die sich wie fragile Muster durch die Erdschicht ziehen, sind für ihn Spuren in eine vergangene Zeit. Während sich seine Mitschüler mit Abenteuerromanen oder Comics vergnügten, hat Becker als Fünfzehnjähriger „Das Handbuch der Römischen Geschichte“ gelesen. Und während andere ihren Berufswunsch nach dem Abitur eher daran ausrichteten, „etwas ganz Solides“ zu lernen, das im Zweifelsfall auch eine Großfamilie ernähren kann, wurde Becker Archäologe - mit befristeten Zeitverträgen und der ständigen Ungewißheit, wie lange seine Forschung noch finanziert werden kann.
„Das Archäologen-Dasein ist weit entfernt vom glorreichen Leben des Indiana Jones“, sagt Becker und muß schmunzeln bei der Vorstellung, daß viele Menschen den Beruf noch immer mit der Suche nach alten Schätzen verbinden und er für sie bisweilen sogar etwas Romantisches hat. „Schätze“, sagt der gebürtige Marburger, „finden Archäologen in Deutschland so gut wie nie.“
Nur einmal habe er ein unbehandeltes Stück Bernstein gefunden, das aber weder besonders schön noch kostbar war - aber dennoch eine Art Schatz, gab der Stein doch Hinweise darauf, daß der Ort schon damals an eine Handelsroute angeschlossen war. „Kostbar“, sagt Armin Becker, „ist für mich alles, was mir in meiner Arbeit weiterhilft.“ So, wie die einstigen Holzpfosten, die die Römer in Waldgirmes vor Tausenden Jahren in den Boden rammten, um Wachtürme zu erbauen - und die heute nicht mehr sind als helle Verfärbungen in den Erdschichten.
Zeit ist das kostbarste Gut
Einmal in seinem Leben hat Armin Becker geschwankt. Nach dem Abitur, als ihm jeder davon abriet, Archäologe zu werden, entschied er sich, Chemie zu studieren, obwohl sein Interesse nach wie vor den Römern galt. Erst als er während seines Wehrdienstes die Erfahrung machte, „wie es ist, wenn man morgens schon mit dem Gedanken aufsteht, keine Lust auf das zu haben, was einen am Tag erwartet“, warf er alle Rationalitäten über Bord und schrieb sich in Marburg und später in Göttingen für Alte Geschichte sowie Vor- und Frühgeschichte ein. Bereut hat er diese Entscheidung nie. Auch dann nicht, als er nach der Promotion, die er sich mit Hilfskrafttätigkeiten für 10,50 DM die Stunde finanziert hat, keine Arbeit fand.
„Man weiß nie, was einen erwartet“, sagt Armin Becker, während er die Erdschichten der Grabungsstätte Waldgirmes betrachtet; und für einen Augenblick scheint er selber nicht zu wissen, ob er diesen Satz auf die aktuelle Grabung bezieht oder auf das Leben als Archäologe generell.
Daß er hier die Ausgrabungen leiten darf, die noch einige Jahre finanziell abgesichert sind, sehe er als Glücksfall an. Denn er kennt zu viele Kollegen, die von einer Notgrabung zur anderen hetzen und zeitlich unter Druck geraten, sollte eine Grabung einmal länger dauern. „Das wäre nicht meine Welt“, sagt Becker. Denn Zeit sei das kostbarste Gut, was ein Archäologe besitzen kann.
Die Puzzleteile zusammenfügen
Das, was Armin Becker antreibt, sind kleine Erfolgserlebnisse. Man dürfe nicht gleich den großen Wurf erwarten, sagt er. Denn manchmal komme er nie. Und obwohl Becker 1997 zusammen mit der Leiterin der Römisch-Germanischen Kommission, Gabriele Rasbach, ein Steingebäude aus der Römerzeit entdeckt hat, das in der Fachwelt für Aufsehen sorgte, weil derlei Gebäude zuvor undenkbar waren, ist der Archäologe bescheiden geblieben. Und er spricht auch dann von „Erfolgen“, wenn er in der trockenen Erde sogenannte Spitzgräben entdeckt, die im Prinzip nicht mehr sind als ein weiteres Puzzleteil in einer längst vergessenen Infrastruktur.
Die Bescheidenheit, lieber mit kleinen Erfolgen zu rechnen als mit „Sensationen“, ist unter Archäologen weniger eine Tugend als eine Notwendigkeit. Becker kennt sie nur zu gut, die Momente, in denen er verzweifeln könnte, weil er mit einer Grabung nicht weiterkommt. Das seien Tage, sagt der Archäologe, an denen er die Arbeit abends geistig mit nach Hause nimmt. Glücklich sei er erst, wenn er alle Puzzleteile beisammen habe und sich ein Bild von der Stätte machen könne. Doch wer Armin Becker sieht, mit seiner kleinen runden Brille und der Pfeife im Mund, die er sich in den kleinen Pausen gönnt, würde nicht denken, daß ihn ernstlich etwas aus der Ruhe bringen könnte.
„Ich habe mir abgewöhnt, mich über Dinge zu ärgern, die ich nicht ändern kann.“ Archäologen müßten prinzipiell gut gerüstet sein gegen schlechtes Wetter. Schließlich passiere es nicht selten, daß die Kälte in den Morgenstunden durch die warme Kleidung kriecht oder der Regen unaufhörlich auf die Ausgrabungen niederprasselt und den Boden in eine einzige Schlammwüste verwandelt. Kälte und Nebel seien typisches Archäologen-Wetter, sagt Becker amüsiert. „Jedenfalls, wenn man in Deutschland arbeitet.“
Ein besessener Spurenwandler
Deutschland ist Armin Beckers Land. Niemals wollte er woanders sein, obwohl er sicherlich auch in anderen europäischen oder arabischen Ländern Arbeit gefunden hätte. „Mich hat es immer dahin gezogen, wo auch die Römer waren.“
Und so ist der Dreiundvierzigjährige zu einem Spurenwandler geworden. Ein Besessener, der monatelang auf der Suche ist, um das Leben vergangener Völker zu überblicken - der aber auch weiß, wann es Zeit ist zu ruhen, wie er sagt. Im Urlaub, wenn er mit seiner Frau verreist, müsse er nicht in jedes Museum rennen, das es in fernen Ländern gibt.
Und er sehne sich auch nicht nach Aktivurlaub, nachdem er sechs Monate am Stück in der freien Natur gearbeitet hat. „Wenn man mit der Archäologie abends ins Bett geht und am Morgen wieder erwacht, dann braucht man auch eine Zeit, in der man abschaltet.“ Die Spuren liefen ihm nicht weg, haben sie doch schon zweitausend Jahre überstanden. Und bevor sie tatsächlich erlöschen sollten, nimmt Becker sie wieder auf.
Studenten interessiert das Leben eines Archäologen
Daß es weiterhin Archäologen geben wird, die sich wie er gegen alle Konventionen aufbäumen und das tun, was sich bei vielen schon als Kindheitswunsch tief ins Bewußtsein eingegraben hat, daran zweifelt Armin Becker nicht. Immerhin habe er auch in Waldgirmes immer eine Handvoll Studenten dabei, die ihre Semesterferien nutzen, um zu erfahren, wie sich das Leben als Archäologe in der Realität anfühlen mag.
Studenten, denen Becker alles vermitteln will: den Umgang mit dem Boden, den Respekt vor einstigen Völkern - aber auch, „daß der Beruf jeden Tag etwas anderes bringt“. Und schließlich haftet doch noch ein wenig von dem abenteuerlich-romantischen Image des Indiana Jones an dieser Arbeit. Armin Becker zeigt auf einen Hut, der im Regal des kleinen Containers liegt, der ihm als Arbeitsplatz dient. Ein Hut, der stark an den des Filmhelden erinnert. „Das“, sagt er, „ist das einzige, was Indiana Jones und ich gemeinsam haben. Aber das ist auch alles.“
