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Veröffentlicht: 03.07.2012, 15:00 Uhr

Arbeitszeiten Das ist doch keine Arbeit

Die Zeiten sind vorbei, in denen Mitarbeiter ihre Arbeit am Schreibtisch zwischen 9 und 17 Uhr erledigten. Dienstreisen, Conference Calls und ständige Erreichbarkeit durch Smartphhones lassen die Grenzen des Arbeitszeitrechts verschwimmen. Ein Ratgeber für Randfälle.

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© Cyprian Koscielniak

48 Stunden in der Woche, durchschnittlich acht Stunden am Tag, mehr als zehn Stunden dürfen es gar nicht werden, zwischen den Arbeitstagen eine ununterbrochene Ruhephase von elf Stunden und am Sonntag nur ausnahmsweise - das sind die Grenzen, die das deutsche Arbeitzeitgesetz vorgibt. Wer jetzt nachrechnet und sich erstaunt am Kopf kratzt, der liegt offensichtlich öfter darüber - und ist nicht allein. „Gegen das Arbeitszeitgesetz wird in Deutschland inzwischen reihenweise verstoßen“, sagt der Münchner Arbeitsrechtler Marcel Grobys, der Unternehmen und Betriebsräte berät. Das hat selbst Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen auf den Plan gerufen, die Arbeitgeber ermahnte, die geltenden Vorschriften zu beachten. In Zeiten, in denen Kosten gekürzt und Personal eingespart werden müssen, verteilt sich immer mehr Arbeit auf immer weniger Schultern.

Hinzu kommen arbeitsrechtliche Grenzfälle wie Dienstreisen oder die permanente Erreichbarkeit über Smartphones. In internationalen Konzernen verschiebt sich die Kernarbeitszeit zudem oft in die amerikanische Zeitzone. Wird die Schmerzgrenze überschritten, können Arbeitnehmer - meist mit Hilfe ihres Betriebsrates - auf die Einhaltung der Gesetze pochen. Weigert sich der Arbeitgeber, können die regionalen Arbeitsschutzbehörden eingeschaltet werden. Dann muss das Unternehmen darlegen, wie es seiner Pflicht zur Einhaltung der Arbeitszeiten nachkommt. Sonst droht ein Bußgeld in Höhe von maximal 15.000 Euro - je Tag und Arbeitnehmer.

Conference Call zu später Stunde

Wenn die junge Kommunikationsberaterin gefragt wird, was sie an ihrem Arbeitgeber so schätzt, kommt es wie aus der Pistole geschossen: „die Internationalität“. Sie arbeitet in einem amerikanischen Unternehmen, Firmensprache ist selbstverständlich Englisch, der Austausch mit den Kollegen in New York und Washington funktioniert reibungslos. Wenn nur die vielen Conference Calls nicht wären - meist natürlich zu Zeiten, die den Kollegen in Übersee in den Kram passen. An der amerikanischen Ostküste steht keiner früher auf, nur damit die deutsche Kollegin mit ihrem zeitlichen Vorsprung von sechs Stunden rechtzeitig in den Feierabend gehen kann. Ganz im Gegenteil: Die größten Probleme tauchen pünktlich am Freitagnachmittag auf, kurz bevor das Wochenende naht. In Frankfurt ist der Schreibtisch schon aufgeräumt, dann kommt die Nachfrage: Kurze telefonische Abstimmung um halb drei ist doch kein Problem? Natürlich amerikanischer Zeit.

Arbeitsrechtlich wird das zum Problem, wenn sich damit die Erwartung verbindet, dass die Kollegin die Zeit bis zum Beginn des Conference Calls um 20.30 Uhr mit Arbeit verbringt und das Besprochene auch noch zeitnah umsetzt. Für Führungskräfte gelten diese Grenzen zwar nicht, aber so weit hat sie es noch nicht geschafft, was sich auch auf dem Gehaltszettel bemerkbar macht. Damit ist der Verstoß gegen das Arbeitszeitgesetz programmiert, denn nach zehn Stunden sollte endgültig Schluss sein. Die Lösung könnte gleichzeitig ein Kompromiss sein, der beiden Seiten dient: Tasche packen, ab ins Wochenende und am Abend von zu Hause aus in den Conference Call einwählen. Auch wenn der Schreibtischstuhl dann mit dem Sofa vertauscht wird - normale Arbeitszeit ist das natürlich trotzdem.

Smartphone für alle Fälle

Am Anfang ist die Begeisterung meist groß: So ein iPhone oder Blackberry ist schon schick, im Freundeskreis lässt sich damit oft noch punkten - und wenn nicht, ist es allerhöchste Zeit, dass man sich endlich eins anschafft. Umso besser, wenn der Arbeitgeber eins spendiert - und dann auch noch die private Nutzung gestattet. Bemerkenswert, wie viel Zeit man damit verplempern kann. Plötzlich werden E-Mails geschrieben, die vorher nie das Licht der Welt erblickt hätten: „Interessanter Aspekt. Bin grad unterwegs. Melde mich später.“ Erkenntnisgewinn gleich null. Hauptsache, der Chef ist beruhigt. Und fühlt sich ernst genommen.

Doch auch solche Beruhigungspillen kosten Zeit - die einem keiner vergütet. Denn die wenigsten Unternehmen ordnen ausdrücklich an, rund um die Uhr erreichbar zu sein. In einem solchen Fall ist nämlich klar, wenn es tarifliche oder betriebliche Vereinbarungen gibt, wie eine solche Rufbereitschaft zu vergüten ist. Und auf diese Sonderbezahlung kann ein Mitarbeiter nach der Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts auch pochen (Az.: 6 AZR 900/98). Viel problematischer ist dagegen der Standardfall: Der Chef legt das Smartphone auf den Tisch und sagt: „Ich melde mich.“ Wenn dann eine wichtige E-Mail nicht beantwortet wird, gibt es Ärger.

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