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Mittwoch, 08. Februar 2012
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Zuwanderung Hürden für die Helden aus dem Ausland

15.08.2007 ·  Arbeitgeber suchen sich Top-Nachwuchs immer häufiger im Ausland. Doch das deutsche Recht macht es ihnen schwer, die ersehnten Fachkräfte zu holen und zu halten. Und ausländische Studierende haben nach dem Abschluss kaum Zeit, Jobs zu suchen. Schon heißt es: Koffer packen.

Von Nico Fickinger
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Ivette Garcia-Castro wurde aus Kuba nach Deutschland gelockt. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) finanzierte der Chemikerin eine Promotion an der Universität Rostock. Als das Stipendium nach drei Jahren auslief, verlängerte es der DAAD problemlos, doch die Universität in Havanna stellte sich quer. Länger als vier Monate wollte die Dekanin sie nicht mehr nach Deutschland lassen. Garcia-Castro aber brauchte mehr Zeit und beschloss: "Ich gehe nicht mehr zurück."

Nach der Promotion hatte sie ein Job-Angebot von einem Forschungszentrum, doch dafür hätte sie ihre Aufenthaltserlaubnis aufgeben und im Ausland eine neue beantragen müssen. Doch die kubanischen Behörden hatten gegen sie eine Einreisesperre verhängt. Ivette Garcia-Castro war verzweifelt.

Aufenthaltsrecht - von Ängsten regiert

Was folgte, war großes Glück: Die Sachbearbeiterin in der Rostocker Ausländerbehörde gab ihr den Tipp, es an der deutschen Botschaft in Madrid zu versuchen. Dort hatte Garcia-Castro es ihrem energischen Auftritt und ihren guten Sprachkenntnissen zu verdanken, dass sie den Botschaftsangehörigen überzeugen konnte. Inzwischen ist sie 34 Jahre alt, Laborleiterin in der BASF-Polymer-Forschung, mit einem Pfälzer verheiratet und bestens integriert.

Die junge Kubanerin hatte damals bloß das Pech, zu früh zu kommen. Seit 2005 ist der Wechsel des Aufenthaltszwecks auch ohne Ausreise möglich - ein Zeichen dafür, dass sich etwas ändert, aber immer noch viel zu langsam. Mitte Juni ließ der Bundestag die womöglich letzte Chance ungenutzt verstreichen, noch innerhalb dieser Legislaturperiode die Hürden für die qualifizierte Zuwanderung aus Nicht-EU-Staaten zu senken. Für Selbständige gab es eine Lockerung, für Forscher eine komplizierte Neuregelung, sonst blieb alles beim Alten.

Ein Punktesystem, das wie in anderen Ländern die Zuwanderung nach Kriterien wie Alter, Ausbildung und Sprachkenntnissen steuern könnte, wird es in Deutschland auf absehbare Zeit nicht geben, obwohl Arbeitgeber und Gewerkschaften, FDP und Grüne dies fordern. Doch die Union fürchtet die kulturelle Überfremdung, und die SPD sorgt sich um die Verdrängung von Arbeitsplätzen. Beides Humbug.

Keine Perspektive für die Expats

Lieber sollten sich die Volksparteien Sorgen darüber machen, dass sie den heimischen Arbeitsmarkt weiter abschotten. "Das Zuwanderungsgesetz bedient perfekt die deutschen Ängste. Dabei müssen wir um High Potentials werben, von alleine kommt niemand", sagt Albrecht Stäbler, Geschäftsführer der Novatec GmbH, eines mittelständischen IT-Unternehmens in Leinfelden-Echterdingen.

Vieles spricht für Deutschland - der gute Ruf seiner Ingenieure, Universitäten und Professoren; auch die Bezahlung ist wettbewerbsfähig. Doch eines fehlt denen, die hier heimisch werden sollen: die Perspektive. Wer mit der Green Card nach Deutschland kam, musste unterschreiben, dass er das Land nach fünf Jahren wieder verlassen würde, berichtet Stäbler. Deshalb sei der Zuzug von IT-Kräften gescheitert. "Sie wollen hier etwas aufbauen, heiraten, Kinder kriegen - und immer hängt das Damoklesschwert der Befristung über ihnen", klagt Stäbler. "So können sie keine Lebensplanung machen." Vielleicht ist nach fünf Jahren gerade ein interessantes Projekt im Roll-out, oder das Kind hat die Grundschule noch nicht abgeschlossen. Wer will ausgerechnet dann gehen?

Nicht nur die Wünsche der Ausländer werden ignoriert, auch auf die Bedürfnisse der Unternehmen nimmt das deutsche Recht keine Rücksicht. "Wir suchen seit zehn Jahren nach topausgebildeten Software-Ingenieuren", sagt Stäbler, "doch von der Bundesagentur für Arbeit kriegen wir nichts. Ich muss mir die Leute direkt von der Uni holen." Dort gibt es zwar viele deutsche Ingenieure, aber nicht genug. Daher greift Stäbler auf Ausländer zurück, um seinen Personalbedarf zu stillen. "Ich könnte viel mehr machen, wenn ich mehr Leute hätte." Anfang des Jahres hätte er für 200 Mitarbeiter Aufträge gehabt. "Wir hätten unseren Umsatz verdoppeln können."

Profile auf dem europäischen Markt nicht zu finden

Auch die BASF rekrutiert ihre Spitzenkräfte rund um den Globus. "Wir sind an denen interessiert, die in den Top-Instituten der Welt an der Spitze der Forschung gearbeitet haben", sagt Norbert Meyer, Leiter der Rekrutierung der Hochschulabsolventen. "Wenn diese Institute in Kalifornien oder Singapur sind, dann holen wir uns die Leute eben von dort." Ein international agierendes Unternehmen wie die BASF brauche außerdem Mitarbeiter aus Ländern, in denen die Kunden sitzen. "Wir können in der Regel gut erklären, weshalb wir solche Talente brauchen", sagt Meyer und lobt die eingespielte Zusammenarbeit mit Ausländerbehörden und Arbeitsagenturen.

Die Arbeitsmarktprüfung habe "bisher immer wieder gezeigt, dass einige Profile, die wir gesucht haben, auf dem europäischen Arbeitsmarkt nicht zu finden waren". Wenn es gut läuft, winkt die Arbeitserlaubnis nach drei Wochen, es hat aber auch schon einmal mehr als zwei Monate gedauert. "Dieser Zeitraum bedeutet im Rekrutierungsprozess einen Nachteil", klagt Meyer.

Das gesamte Verfahren dauere zum Teil bis zu einem halben Jahr, sagt Albrecht Stäbler. Der Prozess sei nicht vereinheitlicht und hänge zu sehr von den handelnden Personen ab. Das werde oft bei Studenten aus demselben Semester deutlich. "Bei manchen dauert es ein Vierteljahr länger, nur, weil sie an einem anderen Ort wohnen", berichtet Stäbler. "Warum soll ein Kandidat so lange warten?" Er hält auch andere Vorgaben für viel zu restriktiv. Das Referenzgehalt von 85 500 Euro im Jahr für hochqualifizierte Spezialisten sei utopisch. "So viel kriegt auch der beste deutsche Absolvent nicht." Der Hinweis, dass es sich dabei nicht um eine zwingende Voraussetzung handle, verfange nicht. "Das ist reine Theorie. Lassen Sie sich mal einen Fall zeigen, wo es auch mit 70 000 Euro geht."

Nie auf die Idee gekommen, Ausländer einzustellen

Meyer wünscht sich auch einen liberaleren Umgang mit Aufenthaltserlaubnissen für Absolventen, die in Deutschland ihr Studium beendet haben. Ein Jahr sei zu kurz zur Stellensuche.

Stäbler gesteht, dass er anfangs nie auf die Idee gekommen wäre, Ausländer einzustellen. "Aber im Nachhinein will ich sie nicht missen." Ein Chinese, ein Tunesier, zwei Mexikaner, ein Kolumbianer und zwei Pakistani hat er unter Vertrag. Durch ihre Augen sieht er die Welt inzwischen ein wenig anders. So hat ein Muslim ihn auf den Umstand hingewiesen, dass es im Islam verpönt ist, Zinsen zu erwirtschaften. Diese Variante habe er gleich in die neue Banksoftware eingebaut.

"Die Schmalspurlösung wäre uns auch ohne Ausländer gelungen. Aber jetzt kommen einfach neue Ansätze dazu." Das bestätigt auch Meyer. "Probleme können manchmal viel schneller gelöst werden als in einem rein deutschen Team, das in einer bestimmten Denkrille festgefahren ist." Sprachen könne man lernen. "Was wir einkaufen, sind Forschungskompetenz und Vielfalt." Dass diese Früchte trägt, hat eine Untersuchung des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung gezeigt. Danach wurden die meisten Patente in Regionen angemeldet, in denen viele Nationalitäten und Kulturen auf einem Raum leben.

Niemand will Deutschen Jobs wegnehmen

"Es geht nicht darum, den Deutschen irgendeinen Job wegzunehmen", stellt Meyer klar. "Wenn wir einen Spitzenforscher in Nanotechnologie aus Singapur gerne für die BASF gewinnen wollen, nehmen wir damit keinem Deutschen einen Arbeitsplatz weg. Im Gegenteil: Uns gelingt es, dieses Arbeitsgebiet so in der Spitze zu positionieren, dass dadurch möglicherweise weitere Arbeitsplätze geschaffen werden, nicht nur bei uns, sondern auch bei unseren Kundenunternehmen."

Menschen zu gewinnen, die uns bereichern und unseren Wohlstand mehren können, sei doch etwas sehr Positives, sagt Meyer. "Wenn die auch noch zu uns kommen wollen, dann sollten wir alles sein lassen, was sie daran hindert."

Quelle: F.A.Z., 11.08.2007, Nr. 185 / Seite C1
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