Mehr Licht im Zahlendschungel
„Die Finanzwelt war schon immer meins“, sagt die 22 Jahre alte Bianca Dürr aus Karlsruhe. Seit sie denken kann, jongliert sie gern mit Zahlen. Sie besuchte ein Wirtschaftsgymnasium und absolvierte während der Schulzeit ein Bank-Praktikum. „Dass ich eine Ausbildung zur Bankkauffrau machen wollte, war mir schon lange klar“, sagt Dürr. „Doch als ich das Abitur in der Tasche hatte, wollte ich zusätzlich noch etwas Besonderes, etwas, das ein bisschen anspruchsvoller ist.“ Nach einigem Herumsurfen im Internet fand sie, was sie suchte: Die Zusatzqualifikation Finanzassistentin - und eine entsprechende Lehrstelle bei der Volksbank Karlsruhe.
Finanzassistenten durchlaufen eine vollwertige Bankausbildung, die Ausbildungsdauer ist aber immer auf zwei Jahre verkürzt. Gleichzeitig erwerben sie in der Berufsschule Wissen über die normalen Inhalte der Banklehre hinaus, vor allem in Steuerrecht und Allfinanz-Angeboten. Dabei geht es etwa um die Themen Immobilien, Versicherungen oder Bausparen. „Es ist insgesamt mehr Stoff in weniger Zeit - etwas für Fleißige“, so drückt es Bianca Dürr aus, die ihre Ausbildung im Sommer des vergangenen Jahres abgeschlossen hat. Hinterher können sich die Absolventen mit einem Doppelabschluss schmücken.
Wer anders als Bianca Dürr nicht in Baden-Württemberg zu Hause ist, muss dafür allerdings noch eine besondere Art des Extra-Aufwands betreiben: Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit sind die zusätzlichen Lerninhalte nur an baden-württembergischen Berufsschulen zu haben. „Azubis aus anderen Bundesländern haben dann in der Regel Blockunterricht, für den sie jedes Mal nach Baden-Württemberg reisen müssen“, erklärt eine Bundesagentur-Sprecherin.
Doch das kann sich für die Karriere durchaus lohnen. „Wir haben ein breiteres Wissensspektrum als normale Bankkaufleute, daher ist es für die meisten Finanzassistenten einfacher, schneller aufzusteigen“, sagt Dürr. Sie selbst bekam im Anschluss an ihre Lehre eine der begehrten sogenannten „Juniorstellen“ in der Volksbank. „Zwei Jahre lang durchlaufe ich nun alle Abteilungen, die mit dem Kreditwesen zu tun haben, und lasse mich dort für diesen Schwerpunkt fortbilden“, erklärt sie. Von den zwölf Karlsruher Volksbank-Azubis ihres Jahrgangs ist Bianca Dürr die einzige, die mit ihrer Bewerbung um eine solche Juniorstelle erfolgreich war. „Die Zusatzqualifikation war dafür mit Sicherheit ein Vorteil“, glaubt Dürr. Sie zeige nicht nur im Lebenslauf, dass man sich über die Ausbildung hinaus engagiert habe. Sie helfe auch inhaltlich, etwa in ihrem Falle im Kreditbereich, weil ihr das Thema Immobilien schon vertrauter sei als den Kollegen ohne Zusatzqualifikation.
Was Bianca Dürr an dem kleinen Extra zu ihrer Berufsausbildung jedoch am meisten reizte: „Ich finde es spannend, nicht nur viel mit dem Kunden zu arbeiten, sondern auch einen stärkeren Blick hinter die Kulissen zu erhalten“, sagt sie. „Wie genau sind die Produkte konzipiert, die wir anbieten? Warum ist das so? Wie berechnet eine Bank das im Einzelnen?“ Diese Fragen könne sie mit dem Rüstzeug der Finanzassistentin nun viel besser beantworten. Den zusätzlichen Lernaufwand habe sie als „nicht übermäßig anstrengend“ empfunden. „Weil ich das Lernen vom Abitur her noch irgendwie gewöhnt war“, sagt Bianca Dürr. „Und weil die Inhalte unglaublich viel Spaß gemacht haben.“
Schwester gegen Schmerzen
Birgitta Pieper arbeitet gern als Krankenschwester. Ihre Ausbildung hat sie im St. Johannes-Hospital in Dortmund gemacht. Dann kamen die Kinder, ein Sohn und eine Tochter. Und es kam die Routine. „Ich hatte das Gefühl, ich brauche Futter für den Kopf, und wollte nicht bis zur Rente so weitermachen. Mir geht es nicht um Karriere, die ist in meinem Beruf ja kaum möglich, aber darum, mich zu spezialisieren“, sagt die 41 Jahre alte Frau, die heute im Marienkrankenhaus in Schwerte arbeitet. „Ich fand das schon immer schade, dass es für unseren Beruf zwar viele verschiedene Fortbildungen gibt, aber keine, die ich als Mutter und Teilzeitkraft gut hätte machen können.“ Denn vorausgesetzt werden in der Regel ganztägige Praktika in anderen Krankenhäusern, die sie mit zwei Schulkindern kaum leisten könne. Umso interessierter horchte sie auf, als ein Oberarzt sie auf eine Schmerztherapie-Fortbildung hinwies und darauf, dass in anderen europäischen Ländern Schmerzdienste in Krankenhäusern etabliert sind.
“Der Gedanke hat mich begeistert.“ Birgitta Pieper recherchierte und stieß auf die Ausbildung zur „Pain Nurse“ und algesiologischen Fachassistenz, also zum Schmerzmanagement in der Pflege. Angeboten wurde das Ganze als Fernlehrgang. So ausgebildete Kräfte sollen als Schnittstelle zwischen Arzt und Patient für eine adäquate Behandlung von Schmerzen sorgen, gleich ob im Krankhaus, einer Pflegeeinrichtung oder in einem Hospiz. Diese Ausbildung gibt es unter anderem in Göttingen, Köln und im Klinikum Nürnberg; vorausgesetzt wird eine abgeschlossene Berufsausbildung oder ein Studium. Birgitta Pieper hat den Fernlehrgang in Franken gemacht. Er dauert zehn Wochen und basiert auf neun umfangreichen Lehrbriefen. Hinzu kommen Präsenztage mit Vorträgen und praxisnahen Workshops. Themen sind sowohl physiologische wie pharmakologische Grundlagen, aber auch nichtmedikamentöse Therapieformen wie Entspannungstherapien oder ablenkende Musiktherapie.
Während ältere Patienten es für selbstverständlich hielten, Schmerzen auszuhalten und gerade ältere Männer sich keine Schwäche eingestehen wollten, seien jüngere Leute weniger leidensbereit. „Es gibt eine neue Generation Patienten, zum Beispiel junge Mandelpatienten, die haben zum Teil null Akzeptanz von Schmerzen, sie sind fordernder, aber auch klarer.“ Pieper achtet darauf, gerade den Älteren beizustehen, die sich nach ihrer Aussage oft eisern zusammenrissen und so fühlten, als hätten sie eine Beweispflicht. „Schmerzen kann man nicht wie Blutdruck messen. Manchmal frage ich dann: Wenn Sie zu Hause wären, würden Sie sich ein Schmerzmittel geben?“
Die Kosten für die Ausbildung von 550 Euro hat Birgitta Pieper selbst gezahlt und auch noch einen Aufbaulehrgang gemacht. „Ich wurde mit Sonderurlaub unterstützt“, sagt sie. Ihre Zusatzqualifikation wird zwar auf der Station mit großem Wohlwollen aufgenommen, aber mehr Gehalt bekommt die Krankenschwester nicht. „Finanziell hat es sich nicht ausgezahlt. Aber ich finde es wichtig, sich weiterzuentwickeln; wer sich nicht weiterbildet, der bleibt auf der Strecke.“ Während früher die Krankenschwestern auf der Station vom Waschen der Patienten bis zum Kaffeeverteilen für alles zuständig waren, gibt es inzwischen immer mehr spezialisierte Kräfte.
Ganz glücklich ist Birgitta Pieper mit der Bezeichnung Pain Nurse nicht. „Auf meinem Namensschild steht Schmerzdienst und Schwester Birgitta, das ist persönlicher.“ Übrigens: Ein Pharmaunternehmen zeichnet auf dem Deutschen Schmerzkongress die „Pain Nurse des Jahres“ aus. Im vergangenen Jahr ist es ein Mann geworden, ein Anästhesiefachpfleger aus Bremen.
Zusatzqualifikation statt Zimmermädchen
Das Hotel fasziniert ihn: Hendrik Müller aus Vöhl, einem kleinen Ort in Nordhessen, beginnt bald eine Ausbildung zum Hotelfachmann. Weil der Abiturient später vielleicht im Management arbeiten will, hat er sich für eine Zusatzqualifikation entschieden. Dass er ins Hotelgewerbe wollte, stand für Hendrik Müller schon lange fest. Der Abiturient arbeitete neben der Schule bereits in der Gastronomie. Nach einem Praktikum im Frankfurter 5-Sterne-Hotel „Hessischer Hof“ war er dann restlos überzeugt und bewarb sich gleich dort um eine Ausbildung zum Hotelfachmann.
“Es macht mir Spaß, mit Menschen zu arbeiten, und ich koche zum Beispiel auch gern“, erklärt der 19-Jährige seine Berufswahl. Auch Wein- und Warenkunde, Inhalte seiner Ausbildung, fände er spannend. Statt sofort zu studieren, möchte er nach seinem Schulabschluss ab August von Grund auf lernen, wie ein Hotel funktioniert, auch wenn „Zimmermädchen-Aufgaben“ wie Bettenmachen oder Badwischen dabei wohl eher nicht zu seinen Lieblingstätigkeiten zählen werden. Dass ihm mit seinem Abitur aber mehr Möglichkeiten als anderen Azubis offen stehen, will Hendrik Müller nutzen. „Durch Zufall habe ich entdeckt, dass es ab diesem Sommer möglich ist, eine Zusatzausbildung Hotelmanagement zu machen.“ Voraussetzungen dafür: mindestens Fachabitur. Das Modell kommt ursprünglich aus Baden-Württemberg, andere Bundesländer wie Hessen ziehen nach. Zehn Stunden mehr in der Woche wird Hendrik Müller für diese Zusatzqualifikation in der Berufsschule sein, er erhält zusätzlichen Unterricht in Fächern wie Rechnungswesen, Personalwesen und EDV. Darauf freut sich der künftige Azubi besonders, denn die Grundlagen dafür hat er bereits in seinem Wirtschaftsgymnasium gelernt. Neben Englisch wird er außerdem noch zwei berufsbezogene Fremdsprachen pauken: Französisch und Spanisch.
Lediglich ein Vorteil seines höheren Schulabschlusses entgeht ihm durch die Zusatzqualifikation: Im Normalfall können Abiturienten im Hotelfach ihre Ausbildung um ein halbes Jahr verkürzen. Weil die Zusatzqualifikation Hotelmanagement aber auf drei Jahre angelegt ist und das Abitur voraussetzt, ist das für Hendrik Müller nicht möglich. Er weiß, dass er sich auf den ersten Blick nicht den attraktivsten Berufszweig ausgesucht hat. Trotz der zeitintensiven Zusatzausbildung bekommt er während der Ausbildung im Frankfurter Luxushotel nicht mehr Gehalt, auch danach liegt das Einstiegsgehalt nicht zwangsläufig höher. Hendrik Müller rechnet aber fest damit, dass seine Aufstiegschancen durch die Zusatzausbildung steigen.
Auch die darauf folgenden Karriereschritte zieht er bereits in Betracht: Die Europaqualifikation ist für ihn ein Muss, innerhalb von fünf Jahren nach dem Ende seiner Ausbildung wird er dafür insgesamt sechs Monate im europäischen Ausland leben und arbeiten. Darauf könnte er außerdem den Hotelbetriebswirt aufbauen, um später im Management zu arbeiten. Mit der Zusatzqualifikation hat er dafür schon mal eine gute Grundlage.
