Home
http://www.faz.net/-gym-6za6o
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Zukunft der Industrie „Moderne Fabriken müssen flexibel sein“

Kaum ist eine neue Fabrik fertiggestellt, müssen die Produktionsprozesse schon wieder neu angepasst werden. Der Leiter des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung IPA erklärt, wie die deutschen Mittelständler darin auch in Zukunft Spitze bleiben.

© Wohlfahrt, Rainer Vergrößern Gibt der deutschen Industrie wichtige Tipps: Thomas Bauernhansl

Herr Professor Bauernhansl, selbst in neu errichteten Fabriken wird nicht optimal produziert, die Produktivität könnte in den meisten Werken deutlich höher sein. Woran liegt das?

Eine Fabrik wird nie so in Betrieb genommen, wie sie ursprünglich geplant wurde. Sobald sie fertiggestellt ist, besteht schon ein Optimierungsbedarf, weil sich Kundenwünsche und -aufträge ändern oder inzwischen ein ganz anderer Produktmix gefragt ist. Moderne Fabriken müssen daher flexibel sein. Sie müssen ohne großen Zeitverlust oder hohen Investitionsaufwand auf Schwankungen reagieren können. Das heißt zum Beispiel, dass schnell zusätzliches Personal an Bord geholt und geschult werden kann. Das heißt aber auch, dass Maschinen schnell umgerüstet oder modular erweitert werden können. Unternehmen müssen heute dies und morgen jenes herstellen können. Die Autohersteller zum Beispiel schaffen es heute noch nicht, verschiedene Baureihen über ein Band laufen zu lassen.

Ist dieses Leitbild einer flexibel arbeitenden Fabrik in der Industrie denn schon fest verwurzelt?

Flexibilität in der Produktion war schon vor der letzten großen Krise ein wichtiges Thema, aber in wirtschaftlich guten Jahren haben Unternehmen häufig nicht die Zeit, um an solchen Verbesserungen zu arbeiten. Da müssen vor allem die Aufträge abgearbeitet werden. In der Krise haben viele Unternehmer die Instrumente zur Flexibilisierung ihrer Produktion genutzt und zu schätzen gelernt. Sie haben die Gewinnschwellen gesenkt und Fixkosten reduziert. Daran wollen sie festhalten. Die Unternehmen wissen, dass ein ständiges Auf und Ab zur Regel wird, und sie müssen ihre Produktionskapazität auf Schwankungen von Jahr zu Jahr von mindestens 25 Prozent einrichten.

Ein Mittelständler, der in Deutschland ein neues Werk errichtet, auf was muss er achten?

Immer mehr Mittelständler werden ihre Fabriken stadtnah bauen, um für Fachkräfte attraktiv zu sein. Der Bau soll möglichst kostengünstig sein, gleichzeitig muss die Fabrik modular gestaltet sein, damit sie auch erweitert werden kann. Bis zu 30 Prozent der gesamten Investitionskosten für eine neue Fabrik fließen in die Infrastruktur, also Strom, Druckluft oder Klimatisierung. Bei Neubauten macht es daher Sinn, auf eine hohe Energieeffizienz zu achten, zum Beispiel eine Zisterne unter dem Gebäude anzulegen, die zur Kühlung genutzt werden kann. Ältere Fabriken energieeffizienter zu machen ist dagegen meist sehr teuer.

Muss der Unternehmer nicht anhand der Produkte, die er herstellt, auch den Produktionsprozess schon bis ins kleinste Detail planen?

Man sollte auf keinen Fall alle Abläufe und Automatisierungsprozesse bis ins kleinste Detail auf einen Betriebspunkt vorplanen, damit wäre die Fabrik nicht mehr flexibel genug. Installiert man zum Beispiel ein automatisches Transportsystem mit Bändern oder/und Schienen, erschwert das spätere Umstellungen der Produktion. Sinnvoller ist es also, ein fahrerloses Transportsystem mit Indoor-GPS-Steuerung zu nutzen, auch wenn die Anfangsinvestition höher ist.

Hat der deutsche Mittelständler gegen die in China auf der grünen Wiese neu errichteten Fabriken denn auf Dauer überhaupt eine Chance?

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben