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Veröffentlicht: 01.06.2016, 12:40 Uhr

Zu Hause arbeiten Die Deutschen mögen „Home Office“ nicht

Wozu viel Zeit vergeuden und sich täglich durch den Berufsverkehr quälen? Warum nicht zu Hause arbeiten und nebenher noch die Kinder hüten? Deutschen Arbeitnehmern scheint das weniger attraktiv als gedacht.

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© dpa Nicht immer gesund: die Rückenhaltung im Home Office

Zu Hause arbeiten - neudeutsch „Home Office“ - gilt weithin als eine der großen Erleichterungen, auf die Arbeitnehmer im Zeitalter der Digitalisierung hoffen dürfen: Statt sich täglich durch den Berufsverkehr ins Büro zu quälen und so viel Zeit zu vergeuden, können sie dann bei Bedarf sogar nebenher in der eigenen Wohnung auf die Kinder aufpassen. Das ist aber nur Theorie. Denn mit den tatsächlichen Wünschen und Hoffnungen deutscher Arbeitnehmer hat dieses Zukunftsbild nicht sehr viel zu tun - ganz im Gegenteil: Die Begeisterung für diese vermeintlich moderne Arbeitsform nimmt in jüngerer Zeit sogar deutlich ab.

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Im Jahr 2013 fanden hierzulande immerhin noch 41 Prozent der Berufstätigen die Idee interessant, ihre Arbeit von zu Hause aus zu leisten. Ein Jahr danach waren die Zahl allerdings schon auf 27 Prozent gesunken, und inzwischen sind es sogar nur noch 22 Prozent. Das hat das Allensbach-Institut für Demoskopie in einer Studie für die arbeitgebernahe Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) festgestellt. Insgesamt 7 Prozent arbeiten heute schon von zu Hause aus. Weitere 23 Prozent halten ein Arbeiten im „Home Office“ bei ihren beruflichen Aufgaben zumindest für technisch möglich; sie glauben jedoch überwiegend nicht, dass ihr Arbeitgeber damit einverstanden wäre.

Die Skepsis gegenüber „Home Office“ ist allerdings kein Beleg für eine allgemeine Technik- oder Zukunftsfeindlichkeit in der Arbeitswelt. Viele Beschäftigte nehmen zwar wahr, dass im Zusammenhang mit dem Thema Digitalisierung („Industrie/Arbeit 4.0“) viel von Veränderungen und wachsender Unsicherheit die Rede ist, eigene Sorgen machen sich aber nur wenige. So stimmten zwar 60 Prozent der Einschätzung zu, dass die Arbeitsplätze künftig unsicherer sein werden - im Hinblick auf den eigenen Arbeitsplatz sehen das aber nur 22 Prozent. Allgemein erwarten 79 Prozent, dass immer mehr Arbeit von Maschinen und Computern übernommen wird - an ihrem eigenen Arbeitsplatz sehen das aber nur 31 Prozent.

Gelassenheit - oder Ignoranz?

Ähnlich verhält es sich mit „Home Office“ und dem sogenannten mobilen Arbeiten von unterwegs: 55 Prozent rechnen damit, dass dies künftig an Bedeutung gewinnt, aber nur 17 Prozent sehen dies auch für ihren eigenen Arbeitsplatz voraus. Inwieweit hinter diesen Einschätzungen eher Gelassenheit oder womöglich Ignoranz steht, ist nach Darstellung von Institutsleiterin Renate Köcher bisher nicht zweifelsfrei zu klären. Immerhin aber gaben sich drei Viertel der Befragten zuversichtlich, dass sie den künftigen beruflichen Herausforderungen allgemein gewachsen sein werden. Während allerdings im Durchschnitt immerhin auch 54 Prozent die Digitalisierung ausdrücklich als vorteilhaft einstuften, waren es unter den Facharbeitern nur 38 und unter einfachen Arbeitern 30 Prozent.

 
Berufsverkehr meiden, Kinderbetreuung lösen - Home Office ist attraktiv. Aber nicht für die Deutschen!

Im Bundesarbeitsministerium hat sich indessen ein Arbeitskreis unter Leitung von Ministerin Andrea Nahles (SPD) und IG-Metall-Chef Jörg Hofmann überlegt, wie mobiles Arbeiten gestaltet und geregelt werden soll. Das Gremium, dem auch einige Arbeitgebervertreter angehören, hat ebenfalls festgestellt, dass „Home Office“ hierzulande weniger beliebt sei als anderswo. Ein Drittel der mittleren und größeren Betriebe biete zumindest grundsätzlich so etwas an.

Kritisch heißt es in einem am Dienstag veröffentlichten Bericht der Arbeitsgruppe, dass beim Arbeiten zu Hause und erst recht in Cafés, Bahnhöfen oder Flughäfen „manchmal vergleichsweise schlechte ergonomische oder sonstige den Arbeitsschutz betreffende Bedingungen vorliegen“. Positiv wird aber gesehen, dass solches flexible Arbeiten eine „vertrauensbasierte Führungskultur fördern“ könne. Allerdings fürchten die Gewerkschaften eine unkontrollierte Ausweitung unbezahlter Mehrarbeit. „Auch Arbeitszeiten in der S-Bahn und zu Hause sind Zeiten, die erfasst und vergütet werden müssen“, mahnt IG-Metall-Chef Hofmann.

„Ende der Arbeit“ nicht in Sicht

Derweil will das Bundeswirtschaftsministerium mit einem „Grünbuch Digitale Plattformen“ zentrale rechtliche und regulatorische Fragen der Digitalisierung klären. Das Grünbuch ist Teil der „Digitalen Strategie 2025“ von Minister Sigmar Gabriel (SPD). „Wir brauchen einen neuen Ordnungsrahmen, weil sich digitale Märkte teilweise fundamental von klassischen Märkten unterscheiden und sich dadurch erneut die Frage stellt, wie gutes Wettbewerbs- und Arbeitsrecht oder hohe Standards beim Verbraucher- und Datenschutz durchgesetzt werden können“, heißt es dazu. Das Wachstum von Akteuren wie Facebook, Google, Uber, Airbnb, Amazon oder MyHammer sei zwar „Ausdruck eines wachsenden Konsumentenzuspruchs und einer steigenden Konsumentenmacht“ - es gehe aber auch mit zunehmender Marktmacht einher. Mögliche Lösungen will das Ministerium nun mit Wissenschaftlern, Unternehmen, Verbänden und Öffentlichkeit erarbeiten.

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Das hat sich der größte industrielle Arbeitgeber des Landes, der Maschinenbau mit einer Million Beschäftigten, auch vorgenommen; der Branchenverband VDMA hatte am Dienstag in Frankfurt zum Kongress „Arbeit 4.0“ geladen. Sein Hauptgeschäftsführer Thilo Brodtmann betonte, dass „das Ende der Arbeit“ nicht in Sicht sei - ebenso wenig wie menschenleere Fabriken. Deutschland habe ja schon eine besonders hohe Dichte an Robotern in der industriellen Produktion und dennoch eine hohe Beschäftigungsquote. Neben Brodtmann steuerte in Frankfurt auch Thorben Albrecht, Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium, eine positive Sicht auf den digitalen Wandel bei: Im internationalen Vergleich stehe Deutschland jedenfalls gut da. Anderswo, berichtete er aus seinen politischen Erfahrungen, werde die Debatte über das Thema noch pessimistischer geführt - oder gar nicht.

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