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Veröffentlicht: 10.10.2015, 08:14 Uhr

Bundeswehr-Universität Tausche Uniform gegen Anzug

Von wegen Drill und Kadavergehorsam: Zeitsoldaten mit Studium sind in der Industrie gefragt. Allerdings haben sie oftmals mit Vorurteilen zu kämpfen.

von Oliver Schmale
© Jan Roeder Heikles Manöver Privatwirtschaft: Studierende der Luft- und Raumfahrttechnik an der Bundeswehr-Universität Neubiberg.

Berufserfahrung ist nicht gleich Berufserfahrung. Dabei fällt früheren Berufssoldaten der Start ins zivile Arbeitsleben mitunter nicht ganz leicht. Vor allem ehemalige Offiziere stoßen bei mittelständischen Unternehmen auf Vorurteile, berichten Personalmanager. Dort werden schon Mal Klischees von Befehl und Gehorsam bemüht, um einen potentiellen Kandidaten aus dem Rennen zu werfen. Hagen Fischer reagiert in solchen Situationen dennoch gelassen. Der 32 Jahre alte einstige Pionieroffizier setzt auf seine Erfahrung und wertet die fragwürdige Bewerberauslese als Beleg dafür, dass es auch im zivilen Büroalltag klare Hackordnungen und Hierarchien gibt.

Fischer, der einst Maschinenbau studierte, und fünf weitere Mitstreiter holen sich gerade bei einem gemeinsamen MBA-Programm von der Universität der Bundeswehr in München und der ESB Business School Hochschule Reutlingen den letzten Schliff, um in ihr Berufsleben nach der Bundeswehr zu starten. Fischer kann sich vorstellen, künftig im technischen Vertrieb zu arbeiten oder zu einer Unternehmensberatung zu gehen. In ihren zwölf Jahren Dienstzeit hätten die Offiziere wichtige Dinge gelernt, sagt Professor Stefan Busch, der Marketing lehrt.

Aussteiger sind in Zeiten des Fachkräftemangels heiß begehrt

Ehemalige Offiziere sind für Führungsaufgaben in der Industrie besonders geeignet, glaubt Busch. Denn sie verfügen über reichlich Erfahrungen in Bereichen wie Organisation oder Logistik, scheuen nicht die Verantwortung und sind geschult in Personalfragen oder Menschenführung. Viele hätten zudem Auslandserfahrung. Bis zu 15 000 Soldaten auf Zeit wechseln jährlich in ein ziviles Berufsleben, listet der Deutsche Industrie- und Handelskammertages auf. „Die Unternehmen schätzen ehemalige Zeitsoldaten als gut qualifizierte Mitarbeiter: Sie wurden bei der Bundeswehr bereits in den verschiedensten Berufsfeldern qualifiziert und gelten als verantwortungsbewusste und motivierte Fachkräfte“, sagt eine Sprecherin. Nicht von ungefähr sind die Aussteiger in Zeiten zunehmenden Fachkräftemangels für die deutsche Wirtschaft heiß begehrt. Zwischen der Bundeswehr, den Industrie- und Handelskammern sowie den Unternehmen gibt es bereits langjährige und erfolgreiche regionale Kooperationen.

Die Bundeswehr verfügt über ein ausgeklügeltes System der Berufsförderung, das sich an der Laufbahnzugehörigkeit und der Verpflichtungsdauer orientiert. Ihr Berufsförderungsdienst (BFD) besteht bundesweit aus 16 Dezernaten, mit insgesamt 86 Standortteams, die den Karrierecentern der Bundeswehr zugeordnet sind. Die Standortteams sind seit der Jahrtausendwende direkt an den Kasernen zu finden. Zuvor waren die internen Berufsberater in den Kreiswehrersatzämtern stationiert und sind zu den Standorten gefahren. Nicht selten kam es damals vor, dass ein Soldat gleich mehrere Ansprechpartner hatte.

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Zwischen 2010 und 2015 sind insgesamt etwa 5300 Offiziere aus ihrem Dienstverhältnis als Soldat auf Zeit ausgeschieden, wie Matthias Gebler, Kapitänleutnant vom in Köln ansässigen Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr erläutert. Um einen MBA-Abschluss für Offiziere zu erhalten, brauchen die Teilnehmer, die alle einen berufsqualifizierenden Studienabschluss sowie zwei Jahre Berufserfahrung als Offizier vorweisen müssen, in der Regel zweieinhalb Jahre. Gute Englischkenntnisse sind eine weitere Voraussetzung. Zugelassen wird nicht jeder. Hierfür gibt es ein besonderes Auswahlverfahren.

Thorsten Bergmann hatte zunächst Pädagogik studiert. In Reutlingen hat der 36 Jahre alte Exsoldat dann Marketing als weiteres Fach gewählt. Er ist Ende Juni bei der Bundeswehr ausgeschieden und war bei der Marine zuletzt bei einer Ausbildungseinheit tätig. Das Thema Lernen falle ihm nicht schwer, sagt er. Auch bei der Bundeswehr habe man sich immer wieder mit neuen Tätigkeiten befassen müssen. Er kann sich einmal vorstellen, im medizinischen Bereich aktiv zu werden oder aber in die Rüstungsindustrie zu wechseln.

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