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Zahlen statt Geld verdienen Das versteigerte Praktikum

16.04.2010 ·  Zwei Schnuppertage in einer Londoner Investmentbank zum Preis von 600 Pfund? Das gibt es wirklich. Zu ersteigern im Internet an den Meistbietenden. Der Erlös geht an wohltätige Einrichtungen. Ein Modell auch für Deutschland?

Von Anna Loll
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An unbezahlte Arbeit hat sich die „Generation Praktikum“ inzwischen gewöhnt. Aber daran, für den Aufenthalt in einem Unternehmen zu bezahlen? Unmöglich, denken die meisten Studenten und Absolventen. Was sie nicht wissen: In den Vereinigten Staaten ist es keine Seltenheit mehr, dass Praktikanten Geld dafür zahlen, einen Blick hinter die Kulissen eines Unternehmens zu werfen. Ein Praktikum bei Versace oder bei einem erfolgreichen Hedge-Fonds? 5000 Dollar sind keine Seltenheit.

Doch es sind nicht die Unternehmen, die angesichts der Masse von Interessenten auf die Idee kommen, Praktikanten zur Kasse zu bitten. Organisiert wird das Ganze vor allem von Wohltätigkeitsorganisationen. Internetseiten wie Charityfolks.com oder Charitybuzz.com versteigern Praktika in Wirtschaftsunternehmen. Wer zugreift, tut damit etwas für einen guten Zweck. Im November vergangenen Jahres erreichte das Modell auch Großbritannien. Dort bot die Wohltätigkeitsorganisation Pilotlight 15 „hochwertige Arbeitserfahrungen“ an. Pilotlight unterstützt kleinere Wohltätigkeitsorganisationen und soziale Unternehmungen mit der Expertise von erfahrenen Managern. Das muss finanziert werden. Pilotlight veranstaltete dafür unter anderem eine Auktion mit Gütern aus verschiedenen Kategorien wie Kunst, Sport, Gesundheit – und eben Praktika.

Für 3500 Pfund den neuen Potter-Film bearbeiten

So konnte ein Bieter für 1500 Pfund beim britischen Magazin „The Spectator“ dem Chefredakteur über die Schulter schauen. Zwei Tage bei einer großen Investmentbank die große Welt der Trader kennenzulernen ging für 600 Pfund über den Tisch. Mit 3500 Pfund ersteigerte ein Spender vierzehn Tage bei der Moving Picture Company (MPC), um bei der Bearbeitung der Spezialeffekte des neuen Harry-Potter-Films dabei zu sein. Mark Benson, Vorstandschef der Filmproduktionsfirma, findet an so einer Auktion nichts Schlechtes. „Es ist für einen guten Zweck, und uns als Unternehmen kostet es kaum etwas.“

Auch die Konservative Partei in Großbritannien scheint im Wahlkampf nichts Anrüchiges an der Versteigerung von Praktika zu finden. Im Februar konnten Tory-Anhänger für Familie und Freunde auf einer Spendenparty sechs Arbeitserfahrungen ersteigern. Die Preise bewegten sich nach Angaben der Zeitung „The Times“ zwischen 1100 und 3700 Pfund.

Skepsis in Deutschland

In Deutschland stößt die Versteigerung von Praktika, und sei es für wohltätige Zwecke, jedoch auf Skepsis. Die Caritas habe hierzulande noch nicht von so einer Auktion gehört, sagt eine Sprecherin. Unternehmen halten auch nicht sonderlich viel davon. „Wir wollen mit einem Praktikum jemandem einen Einblick in die Arbeitswelt bei BMW bieten und Nachwuchskräfte kennen lernen“, sagt Christoph Anz aus der strategischen Personalentwicklung des Autoherstellers. Ein Praktikum mit einem Wohltätigkeitsansatz zu verbinden, sei eine merkwürdige Vorstellung. „Unseren Praktikanten wollen wir Chancen bieten und sie nicht zur Ader lassen – selbst wenn es einem guten Zweck dient“, betont Anz.

Ähnlich sieht es Olaf Coenen, Geschäftsführer von Electronic Arts Deutschland. In einem Fall soll das Computer- und Videospielunternehmen in den Vereinigten Staaten angeblich im Rahmen einer Auktion an einer Schule ein Praktikum angeboten haben. Aber in Deutschland, Österreich und der Schweiz sei das nicht üblich, sagt Coenen. Über eine Versteigerung jemandem zu erlauben, sich ein Praktikum zu kaufen, schließt der Geschäftsführer aus. „Die Auswahl der Kandidaten erfolgt bei uns ausschließlich aufgrund der Qualifikation, und ich finde, das sollten auch die einzigen Auswahlkriterien sein.“

Ein heikles Thema ist die Versteigerung von Praktika allemal. Pilotlight lässt vorsichtig anklingen, dass sie bei der nächsten Auktion vielleicht ein paar Dinge anders machen würden, ohne Details zu verraten. Viele Unternehmen, die in den Vereinigten Staaten oder Großbritannien Praktika bei einer Versteigerung angeboten haben, antworten nicht auf Anfragen zu ihren Motiven. So richtig gehört es bisher anscheinend nicht zum guten Ton, ein Praktikum zum Verkauf anzubieten.

Vorwürfe von Studentenorganisationen

Die Gründe für die Vorsicht lassen sich erahnen, wenn man bei Studentenorganisationen nachfragt. „Ein Praktikum zu ersteigern, kann sich nur eine bestimmte Klientel leisten“, kritisiert Susanne Schneider von dem Verein Fairwork, laut Selbstauskunft die erste Interessenvertretung für Hochschulabsolventen. Studenten, die nicht die finanziellen Möglichkeiten hätten, für ein Praktikum Geld zu bezahlen, würden so diskriminiert.

Pilotlight wehrt sich gegen den Vorwurf, dass mit der Versteigerung Studenten aus sozial schwächeren Schichten benachteiligt würden. Im Gegenteil, die britische Wohltätigkeitsorganisation sieht darin indirekt einen Ausweg für weniger Betuchte. „Viele Schüler und Studenten werden ein Praktikum in ihrer Laufbahn gefunden haben, weil ein Freund oder Familienangehöriger ihnen geholfen hat“, sagt Fiona Halton, Geschäftsführerin von Pilotlight. Durch die Pilotlight-Auktionen aber bekämen sozial Benachteiligte, die diese Beziehungen nicht hätten, Unterstützung.

Geld oder Vitamin B?

Steve Riedel, Geschäftsführer der Praktikumsbörse Praktika.de, sieht noch einen anderen Vorteil. Zwar hält Riedel von der Versteigerung eines Praktikums an sich nicht viel, weil dies den „Matchingprozess von Bewerber und Unternehmen außer Kraft setze“. Aber für ein Praktikum zum Beispiel im Rahmen einer Vermittlung Geld zu bezahlen böte einen wesentlichen Vorzug für Arm wie Reich: „Sie haben dann einen Praktikumsplatz sicher. Man kauft ihn sich.“ Ein Praktikumsanwärter in Deutschland habe bisher bei einem normalen Bewerbungsprozess keine Sicherheit auf Erfolg. Die richtigen Praxiserfahrungen gehörten aber zum Aufbau eines aussagekräftigen Lebenslaufs. „Oft hört man auf die Nachfrage, warum jemand denn dieses oder jenes Praktikum gemacht hat: ,Ich habe das halt bekommen.‘ Das reicht nicht aus“, findet Riedel. Praktika zu versteigern benachteilige Studenten aus weniger reichen und gut vernetzten Elternhäusern nicht per se. Das Modell könne fehlende Beziehungen wettmachen und Studenten zu hochwertigen Praktika verhelfen, zu denen sonst nur Vitamin B führe.

Zumindest wenn es um Praktika im Ausland geht, scheint sich diese Ansicht tatsächlich mehr und mehr auch in Deutschland durchzusetzen. Wo die Kontakte fehlen, greifen Studenten nicht selten auf verschiedene – kostenpflichtige – Vermittlungsagenturen zurück, um an das richtige Praktikum in Argentinien oder Australien zu kommen. Trotzdem bleibt Susanne Schneider von Fairwork skeptisch. „Wenn man sehr genau weiß, was man machen möchte, macht es vielleicht Sinn, einen Bildungskredit aufzunehmen. Aber was ist, wenn dem nicht so ist?“, fragt die Theaterwissenschaftlerin. Praktika sollten doch der Berufsorientierung dienen. Man müsse schon viel Geld haben, um fürs Ausprobieren immer wieder mehrere hundert Euro auszugeben.

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