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Work-Life-Balance Zwischen Schreibtisch und Leben

 ·  Nahezu jedes Unternehmen, das auf sich hält, achtet darauf, daß Arbeit und Freizeit ihrer Mitarbeiter in einem günstigen Verhältnis stehen. Nicht aus Altruismus, sondern der Produktivität wegen. „Work-Life-Balance“ bindet die guten Mitarbeiter.

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Claus E. Heinrich ist nicht in den Wolken zu Hause. Der Arbeitsdirektor des größten europäischen Softwarekonzerns SAP ist ein Pragmatiker. Einer, der nicht vergißt, daß sein Unternehmen keine gemeinnützige Veranstaltung ist, der sich nicht für "den guten Onkel Claus" hält. Wenn nun ein Manager wie Heinrich von der belebenden Wirkung eines Sabbaticals spricht, von Lebensarbeitszeitkonten und Themenwochen in der Kantine, dann kann man das als Indiz dafür nehmen, daß Themen wie die Ausgewogenheit zwischen Arbeit und Freizeit den Dunstkreis frauenbewegter Weltläden verlassen haben.

Die Welt, in der Unternehmen sich heute bewegen, ist eine radikal andere als noch vor wenigen Jahren. Globalisierung und Alterung der Gesellschaft haben die Spielregeln verändert. Die Konkurrenz sitzt nicht im Nachbarort, sondern in China. Die Belegschaft ist kein homogenes Grüppchen von Einheimischen, sondern eine vielsprachige Truppe mit unterschiedlichen kulturellen Wurzeln. Und schon ziemlich bald werden qualifizierte Nachwuchskräfte eine knappe Ressource sein - um die es sich zu kämpfen lohnt. Kluge Unternehmen haben das erkannt. Und sie haben auch erkannt, daß sie sich in eine gute Ausgangsposition begeben, wenn sie auf Instrumente setzen, die den Mitarbeitern das Balancieren zwischen Schreibtisch und Leben erleichtern. Und die der Tatsache Rechnung tragen, daß Mitarbeiter Menschen und damit ziemlich verschieden sind.

Ausgeglichene Mitarbeiter sind besser und loyaler

Programme, die das berücksichtigen, versammeln sich unter den Begriffen Diversity Management und Work-Life-Balance. Für Unternehmen bedeutet ersteres, die Unterschiedlichkeit der Mitarbeiter - sei es Alter, Geschlecht, Familienstand oder Herkunft - produktiv zu nutzen. Auch Konzepte zur Work-Life-Balance, der Vereinbarkeit von Arbeit und Leben, zielen auf Produktivitäts- und Wettbewerbsvorteile. Nach dem Motto: Ausgeglichene Mitarbeiter sind bessere, loyalere Mitarbeiter. Was beide Konzepte verbindet: Der Einzelne steht im Mittelpunkt.

SAP-Vorstand Heinrich könnte sich eigentlich entspannt zurücklehnen und sich daran erfreuen, daß die Softwareschmiede gerade den Wettbewerb "Die besten Arbeitgeber" in der Gruppe der Unternehmen mit mehr als 5000 Mitarbeitern gewonnen hat. SAP ist bekannt für ein entspanntes Betriebsklima. Man duzt sich, das Essen in der Kantine ist kostenlos, es gibt keine Arbeitszeiterfassung. Aber Heinrich lehnt sich nicht zurück. Work-Life-Balance ist in Walldorf schon lange kein Fremdwort mehr. Das Entscheidende sei, sagt der Arbeitsdirektor, den Mitarbeitern mehr Flexibilität zu ermöglichen.

Väter wollen nicht nur Karriere, sondern auch Kind

Michael Stuber hätte es kaum schöner sagen können. Mit seiner Agentur Ungleich Besser berät er Unternehmen zu Diversity Management und Work-Life-Balance. Zum Kundenkreis gehören Konzerne wie die Allianz, BP oder Eon. Work-Life-Balance-Programme müssen, so Stuber, vor allem eines: Antworten auf das wachsende Bedürfnis der Arbeitnehmer nach Freiheit, Flexibilität und Selbstverwirklichung geben. "Diese vielschichtige Denke ist hierzulande aber erst im Entstehen. Die Wirtschaft hat noch nicht erkannt, welche enormen Vorteile Unternehmen mit einer sehr guten Work-Life-Balance haben. Und welche enormen Nachteile die anderen." Er sieht einen Wertewandel: Väter wollen nicht nur Karriere, sondern auch Kind.

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Quelle: F.A.Z., 04.11.2006, Nr. 257 / Seite C1
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04.11.2006, 21:48 Uhr

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