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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Wirtschaft in der Schule Lehrerin mit Laptop und Kostüm

29.10.2009 ·  Mit Praktikern aus den Unternehmen kann der Lehrermangel nicht grundsätzlich bekämpft werden. Doch können sie helfen, Lücken zu schließen. Zum Beispiel in Berlin: Dort erklären Banker den Schülern, wie der Dax funktioniert und wofür Bulle und Bär stehen.

Von Lisa Becker
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Auch das altehrwürdige humanistische Gymnasium Steglitz in Berlin ist schon lange von der Realität eingeholt worden. Während das historische Backsteingebäude von außen beeindruckend aussieht, herrscht im Inneren dieselbe gestalterische Langeweile wie in vielen Schulen: graubrauner Plastikboden, kahle Wände, vermackte Holzmöbel, grelles Neonlicht. In dieser Umgebung erkennt man rasch, wer die Frau aus der Bank ist. Andrea Schruff trägt ein elegantes dunkelblaues Kostüm, eine rosa Bluse und eine randlose Brille. Die Vermögensverwalterin der Berliner Weberbank ist in die Schule gekommen, um Schülern der 12. Klasse etwas über Finanzmärkte beizubringen.

Dass Schruff das Gymnasium Steglitz für den Wirtschaftsunterricht ausgesucht hat, ist kein Zufall. Ihre beiden Töchter besuchen die Schule; die ältere hat dort gerade Abitur gemacht. So hat Schruff feststellen können, dass selbst Schülern, die kurz vor dem Abitur stehen, grundlegende Wirtschaftskenntnisse fehlen. Nach ihrer Erfahrung wird Wirtschaft nur unterrichtet, wenn sich der Lehrer dafür interessiert. „Doch wie sollen die Schüler als Wähler über Wirtschaftspolitik entscheiden, wenn sie nichts darüber gelernt haben?“, fragt sie.

Ein Lehrer, der sich für Wirtschaft interessiert, ist Werner Goller. Er trägt Jeans, eine Brille mit schwarzem Rand und ein weites T-Shirt, dessen Schriftzug ihn als Fan der Rockband Tocotronic ausweist. Goller unterrichtet am Gymnasium Steglitz Wirtschaft und findet, dass es in Berlin viel zu wenig Wirtschaftsunterricht gibt. „Das Problem ist, dass es kein eigenständiges Fach Wirtschaft gibt“, kritisiert er. Goller selbst hat Geschichte und Germanistik studiert, Wirtschaft unterrichtet er nun zum ersten Mal. Die neue Herausforderung bereite ihm aber Freude - wohl auch deshalb, weil die Wirtschaftskrise Interesse und Beteiligung der Schüler anregt. Und weil Goller „immer offen für Neues“ ist, heißt er es gut, dass ihn Andrea Schruff und einige ihrer Kollegen unterstützen.

Wie Finanzmärkte funktionieren

Mitarbeiter der Weberbank sind im zweiten Halbjahr dreimal ans Gymnasium Steglitz gekommen, um den Schülern zu erklären, wie die Finanzmärkte funktionieren. Über die Rolle der Banken haben sie gesprochen, über Eigen- und Fremdkapital, Aktien, Renten und andere Wertpapiere. Danach haben die Oberstufenschüler einen Tag lang die Bank besucht, wo sie über den richtigen Umgang mit Geld informiert wurden. Außerdem haben sie dort ein Börsenspiel gespielt und im Wirtschaftsteil einer Zeitung gelesen.

Andrea Schruff schaltet ihren Laptop ein. Zuerst will sie von den Schülern wissen, warum Bullen für steigende und Bären für fallende Aktienkurse stehen. Sie muss es selbst erklären: „Es geht um die Gerichtetheit des Kampfverhaltens. Der Bär schlägt mit der Tatze von oben nach unten, der Bulle hingegen nimmt sein Opfer von unten nach oben auf die Hörner.“ Nach diesem auflockernden Anfang erklärt Schruff den Schülern in einem anderthalbstündigen Vortrag, was sie tagtäglich in ihrem Beruf als Vermögensverwalterin macht. „Ich versuche zu verstehen, warum die Kurse steigen oder fallen werden.“ Sie erläutert Begriffe, deren Kenntnis Grundvoraussetzung für das Verstehen von Wirtschafts- und Börsennachrichten sind. Zwei Schülerinnen beurteilen den Vortrag danach als „gut, interessant und lebensnah“. Eine freut sich, dass sie nun endlich weiß, was der Dax ist.

Schruff und ihre Kollegen veranstalten diese „Schola Pecunaria“, wie sie ihre Veranstaltungsreihe nennen, schon zum zweiten Mal. Zuletzt haben die Banker die Schüler schriftlich nach ihrem Urteil gefragt und eine sehr anschauliche Wissensvermittlung bescheinigt bekommen. Nun hofft Schruff, dass ihr Beispiel und das einiger anderer Banken Schule macht. Auch die Citibank und die Deutsche Bank etwa schicken - freilich in größerem Stil - Mitarbeiter in die Schulen, um vor allem Wissen im Umgang mit Geld zu vermitteln. Diese Art Unterricht sei auch für Nichtpädagogen „kein Hexenwerk“, sagt Schruff - auch wenn ein gewisses Sendungsbewusstsein nicht schade. „Ich erzähle einfach, was ich im Beruf mache, natürlich in aufbereiteter Form.“

Mangel an ökonomischer Bildung

So schließen Andrea Schruff und ihre Kollegen ein kleines Stück der Lücke, die Wirtschaftswissenschaftler und Unternehmer schon lange beklagen: die viel zu geringe ökonomische Bildung von Schülern. Ähnliches gilt für die Naturwissenschaften und Mathematik: Auch hier wird die Qualität der Wissensvermittlung in der Schule bemängelt. Ein Ergebnis dieser Vernachlässigung ist, dass es schon heute - und in Zukunft voraussichtlich noch mehr - in Mathematik und Naturwissenschaften an Lehrern fehlt.

Bundesbildungsministerin Annette Schavan hat deshalb schon vor einiger Zeit gefordert, dass die Unternehmen ihre besten Mitarbeiter zumindest stundenweise in die Schulen schicken sollten, um Lücken im Unterricht zu schließen. Fachleute merkten dazu an, dass solche Notlösungen das Problem nicht grundsätzlich lösen könnten. Und viele Lehrer fühlten sich in ihrer Professionalität unterschätzt: Schließlich sei ja nicht jeder, der über Fachwissen verfüge, ein guter Pädagoge und Didaktiker.

Die Einwände sind richtig. Es ist allerdings ohnehin nicht zu erwarten, dass Unternehmen ihre teuren Fachleute scharenweise in die Schulen schicken werden, um den Lehrermangel auszugleichen. In den schon heute praktizierten Partnerschaften zwischen Schulen und Unternehmen ist es im Gegenteil eher die Ausnahme, dass Praktiker unterrichten. Unternehmen können nämlich auf günstigere Weise Unterrichtsinhalte mitgestalten, indem sie Material für praktisches Arbeiten wie Experimente zur Verfügung stellen und Lehrer schulen.

Wenn Praktiker direkt auf Schüler treffen, dann laden sie diese oft in ihre Betriebe ein, um ihnen einen Einblick in ihren Arbeitsalltag zu gewähren. Das ist zum Beispiel zur Berufswahlorientierung an vielen Schulen schon gängige Praxis. Manchmal entwickeln auch Praktiker aus Unternehmen zusammen mit Schülern ein Produkt und stellen es dann gemeinsam her. Solche Partnerschaften fördert zum Beispiel die Wissensfabrik, eine von Unternehmen getragene Bildungsorganisation.

Fachkräfte im Ruhestand

Es gibt jedoch eine Gruppe von hochqualifizierten Menschen, die zumindest genug Zeit hat, um Schüler zu unterrichten: Fachkräfte im Ruhestand. Das hat der in Bonn ansässige „Senior Experten Service“ erkannt. Diese Stiftung der deutschen Wirtschaft vermittelt vor allem Fachkräfte an Unternehmen, vor gut zwei Jahren hat der Service außerdem ein Schulprogramm aufgelegt. Ende 2006 gab es die ersten drei Einsätze an Schulen, 2008 schon 105.

Eine der Fachkräfte im vermeintlichen Ruhestand ist Walter Kühhirt. Früher hat der 66 Jahre alte promovierte Chemiker in einer Lackfabrik gearbeitet. Heute macht er mit Schülern chemische Experimente, um zum Beispiel die Frage zu beantworten, warum etwas schäumt und warum nicht. Kühhirt beklagt, dass vor allem im naturwissenschaftlichen Unterricht der Grundschulen die Biologie übergewichtet werde. Das liegt seiner Meinung nach daran, dass die vielen Frauen, die dort unterrichteten, am liebsten mit den Schülern in die Natur gingen. „Dabei ist Chemie viel einfacher.“ Nun ist Kühhirt sechs Wochen hintereinander für je eine Stunde in die Solinger Grundschule Stübchen gegangen, um dort mit Kindern zu experimentieren. Eine Schulstunde sei allerdings knapp, sagt er. Denn jedes Kind müsse das Experiment mit seinen eigenen Händen durchführen - nur dann lerne es etwas.

Die chemischen Kenntnisse der Schüler zu fördern ist für den Unruheständler Kühhirt inzwischen zu einer richtigen Berufung geworden. Deshalb bot er vor zwei Jahren einer Schulbehörde ein Projekt an: Er wollte Lehrer im Experimentieren ausbilden. Auf sein Angebot habe es bis heute keine Reaktion gegeben, beklagt er. Nun hat Kühhirt stattdessen an der „Junior Uni“ in Wuppertal als Dozent angeheuert, einer von Bürgern und Unternehmen finanzierten Einrichtung. Kinder und Jugendliche können dort Seminare belegen. Ihr Interesse an der neu gegründeten Bildungsinstitution übertrifft bisher alle Erwartungen der Organisatoren.

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Jahrgang 1966, Redakteurin in der Wirtschaft

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