11.08.2008 · Was können dänische und englische Feuerwehrleute schon voneinander lernen? So viel, dass die EU ihnen den Austausch bezahlt. Und für solche Projekte Milliarden Euro spendiert.
Von Sebastian BalzterWenn die Engländer im Oktober nach Grindsted kommen, müssen sie ihre Helme besonders gründlich festschnallen. Nicht nur, weil dann die ersten Herbststürme über Jütland fegen werden. Die Feuerwehrleute aus der dänischen Kleinstadt werden ihren Kameraden aus der Grafschaft Shropshire dann auch zeigen, wie man Druckluft beim Löschen einsetzt. 35000 Kubikmeter Luft bläst der Hochleistungsventilator Marke "Tempest" je Stunde in die gewünschte Richtung. "Diese Methode, mit der man Rauch und Gase aus einem brennenden Haus bekommt, wird in England kaum eingesetzt", sagt Claus Nissen. Das weiß der 41 Jahre alte Gruppenführer der Feuerwehr von Grindsted aus eigener Anschauung. Denn er ist einer ihrer Weiterbildungs-Pioniere.
Im vergangenen November packte Nissen seine Sachen. Zusammen mit dem Leiter der Feuerwache von Svendborg und dem Ausbildungsleiter aus Hurup nahm er den Flieger über die Nordsee. Die drei kommen zwar aus ganz verschiedenen Ecken des dänischen Königreichs, arbeiten aber allesamt für Falck, das Privatunternehmen, das den Brandschutz in den meisten dänischen Gemeinden organisiert. Eine Woche lang blieben sie in Shropshire, einer Grafschaft im Westen von England, um zu lernen. Es gab einen Stundenplan mit Vorträgen und Vorführungen zu Radiosystemen, Rettungsmaßnahmen und Einsatzleitung. Aber viel wichtiger war der Einblick in den Alltag der anderen. "Wir hatten großes Glück", sagt Nissen, aus seinen blauen Augen spricht dabei kein Zynismus, sondern Begeisterung. "Ausgerechnet in dieser Woche gab es dort nämlich einen richtig schönen Silobrand." Der "Shropshire Fire and Rescue Service" rückte mit 35 Mann aus - und drei Dänen, in geliehener Montur.
Ist Löschen nicht gleich Löschen?
Seit 13 Jahren ist Claus Nissen nun Feuerwehrmann. Hat er nicht schon genug Silobrände gesehen? Und überhaupt: Ist Löschen nicht gleich Löschen, von der Druckluft-Methode vielleicht einmal abgesehen? Claus Nissen widerspricht. "Bei den Engländern geht es disziplinierter zu, die Einsatzleitung hat alles genau unter Kontrolle", berichtet er. Vor allem bei Großbränden sei das ein Vorteil, schon bei der nächsten großen Übung in Grindsted habe er selbst mit Gewinn einen etwas anderen Ton als zuvor üblich angeschlagen. Beeindruckt haben Nissen außerdem die Sicherheitsvorkehrungen für Atemschutzgeräteträger und die Präventionsarbeit. Zusammen mit den englischen Feuerwehrleuten klopften die dänischen Gäste bei Privathaushalten und Unternehmen an die Tür, um sie über Gefahrenquellen aufzuklären. "Das hat mir sehr imponiert."
Imponiert hat das dänisch-englische Gemeinschaftsprojekt offensichtlich auch der Europäischen Kommission. Die Generaldirektion für Bildung und Kultur jedenfalls, die den Belegschaftsaustausch mit Fördermitteln aus ihrem Programm "Leonardo da Vinci" unterstützt, hat es im Juni als besonders gelungenes Beispiel mit dem "Preis für lebenslanges Lernen" in Gold ausgezeichnet. Das war die große Stunde von Henrik Bitsch Hansen. "Es war wie im Film", sagt er. In Paradeuniform nahmen der Chef der 3000 Falck-Feuerwehrleute und sein Pendant aus Shropshire, mit dem zusammen er den Austausch eingefädelt hatte, in Slowenien die Auszeichnung in Empfang. Hansen war schon vorher von dem Projekt überzeugt, seitdem ist daraus Enthusiasmus geworden. "Es ist so wichtig, einmal rauszukommen aus der eigenen kleinen Feuerwache", betont er mit dem Nachdruck eines Predigers. "Zu sehen, dass die Welt aus mehr als nur dem eigenen Ententeich besteht, das verändert die Leute. Sie werden dadurch so viel offener - und außerdem stolz auf ihr Unternehmen, das ihnen die Möglichkeit dazu gibt."
2009 soll es eine Fortsetzung geben
Inzwischen haben 24 Beschäftigte an dem Austausch teilgenommen. Für die nächsten sechs suchen Hansen und Nissen gerade nach dem richtigen Hotel in der Nähe von Grindsted; und 2009 soll es eine Fortsetzung geben. Flug und Unterkunft für die Teilnehmer übernimmt bislang mit rund 900 Euro je Kopf aus dem Leonardo-Topf die EU. Die Gehälter dagegen zahlen für die Dauer des Austauschs die beteiligten Partner - denn wie Claus Nissen, der als Maschinenschlosser für einen Lebensmittelkonzern arbeitet, haben viele der Teilnehmer einen anderen Hauptberuf als die Feuerwehr. "Ohne das Geld von der EU hätten wir nicht anfangen können", räumt Henrik Bitsch Hansen ein. So aber habe der Vorstand seinen Vorschlag ohne Zögern durchgewinkt. "Und heute kämen wir damit vielleicht sogar ohne Fördermittel durch", vermutet er. Denn das Projekt habe messbar die Zufriedenheit sowohl der eigenen Mitarbeiter als auch der Kunden erhöht.
Die Europäische Kommission ihrerseits setzt darauf, dass Weiterbildung die Wirtschaft wettbewerbsfähig macht, außerdem sollen Mobilitätsanreize den Weg zu einem integrierten europäischen Arbeitsmarkt leichter machen. Rund 250 einschlägige Projekte werden Jahr für Jahr gefördert, mehr als 245000 Arbeitnehmer haben davon seit 2000 profitiert. Für das im vergangenen Jahr neu aufgelegte Dachprogramm für lebenslanges Lernen, zu dem neben der auf die berufliche Weiterbildung zugeschnittenen "Leonardo da Vinci"-Initiative auch Angebote für die Schul-, Hochschul- und Erwachsenenbildung gehören, stehen bis 2013 insgesamt fast sieben Milliarden Euro zur Verfügung. In Deutschland sind diese Mittel nach Auskunft der Kommission derart begehrt, dass im vergangenen Jahr 40 Prozent der Anträge nicht berücksichtigt werden konnten. Bei der Preisverleihung in Ljubljana aber gingen die deutschen Projekte leer aus.
Etwas von der Begeisterung gespürt
Warum der Austausch zwischen Grindsted und Shropshire ganz vorne landete? Vielleicht lag es an der ungewöhnlichen Situation, dass hier ein gewinnorientiertes Privatunternehmen mit einer Einrichtung der öffentlichen Hand kooperiert. Vielleicht am stark betonten Interesse beider Seiten daran, die Mitarbeiter zu weiteren internationalen Aufgaben zu motivieren. Vielleicht aber hat die Jury auch durch alle Formblätter und Projektbeschreibungen hindurch etwas von der Begeisterung gespürt, die Henrik Bitsch Hansen, der 60 Jahre alte Feuerwehrveteran aus Dänemark, für das Lernen über alle Grenzen hinweg versprüht. "Wir sind nicht schlecht, aber wir können besser werden", formuliert er seine Maxime. "Und das hört niemals auf." In Australien habe er die Idee zu kleinen, schnellen Einsatzfahrzeugen aufgeschnappt, aus Amerika das Informationssystem kopiert, und gerade jetzt schaue er sich ganz genau an, wie die deutschen Feuerwehren ihre Einsatzkräfte in brennenden Gebäuden überwachen. Im Gegenzug mache Falck aber auch selbst aus seiner Arbeit kein Staatsgeheimnis. "Wir haben keine Angst vor Spionage."
So sollen die Engländer in Grindsted Stärken und Schwächen gleichermaßen zu sehen bekommen. "Nur eins ist noch ungewiss", sagt Henrik Bitsch Hansen, beugt sich nach vorne und lächelt windschief: "Mal sehen, wie viele Brände wir extra für sie legen werden."