Home
http://www.faz.net/-gym-x5sa
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Wir wollen´s wissen (4) Schlaflos bis zum Abschluss

18.07.2008 ·  Fernlernen ist kein Zuckerschlecken, wird aber immer beliebter. Und die meisten Teilnehmer bürden sich ihre Kurse aus eigenem Antrieb auf.

Von Deike Uhtenwoldt
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Wenn ihre Kollegen vor dem Fernseher entspannen, Freunde treffen oder schon wegschlummern, zieht Britta Heer noch einmal los. Um 22 Uhr drei Kilometer mit dem Rad durch Hamburg. "Das bringt frischen Wind in den Kopf", sagt die Einundvierzigjährige. Angekommen in der Juristischen Bibliothek der Universität Hamburg, holt sie sich zuerst einen doppelten Espresso, dann nimmt sie sich die nächste gedruckte Vorlesung zum Thema Rechnungswesen oder Unternehmensführung vor. Britta Heer studiert "International Management" an der Europäischen Fernhochschule Hamburg.

"Ich will meinen Horizont erweitern und mir die besten Berufschancen sichern", begründet die studierte Historikerin ihre Entscheidung, für die sie viele Einschränkungen im Privatleben in Kauf nimmt. Wochentags arbeitet sie als Marketingleiterin für den Publikationsservice Books on Demand, nachts und am Wochenende lernt sie. Stören Sofa, Telefon oder Ehemann die Konzentration, wechselt sie in die Bibliothek, die bis 23.45 Uhr geöffnet ist. Dort ist der Kaffeeautomat die einzige Ablenkung. Alleine aber ist sie dort nie. "Ich wundere mich immer, was da kurz vor Mitternacht noch los ist."

Mit List und Kaffee

Es ist keine unbedeutende Minderheit, die ihr Schlafbedürfnis mit Kaffee und ihre Psyche mit der Aussicht auf den Abschluss überlistet. Die Branche verzeichnet seit 2005 jährliche Wachstumsraten von sieben Prozent, ein Ende des Booms ist nicht in Sicht. "Im Gegenteil", sagt Helmut Vogt aus dem Vorstand der Deutschen Gesellschaft für wissenschaftliche Weiterbildung und Fernstudium (DGWF). "Der Bologna-Prozess spielt der ortsunabhängigen Weiterbildung in die Hände." Wer nach dem Bachelor in die Praxis einsteige, kehre für den Master nur selten an die Präsenzuniversität zurück.

Noch sind es die gängigen Themen, die in der Fernunterrichtsstatistik dominieren: Ganz oben steht nach Auskunft des Forums DistancE-Learning das kaufmännische Wissen, angefangen beim Controlling über den staatlich geprüften Betriebswirt bis hin zum Bachelor in Europäischer Betriebswirtschaftslehre. Fernschulziel Nummer zwei ist der nachgeholte Schulabschluss. "Bis zu 10.000 Teilnehmer im Jahr erreichen so ihr Abitur", sagt Verbandspräsident Martin Kurz. An dritter Stelle stehen Sprachlehrgänge. Auf dem Vormarsch aber sind Spezialisierungen, zum Beispiel Angebote wie "Prozessmanagement für Fitness- und Freizeitunternehmen", "Feng Shui Beratung" und "Master of International Taxation". Den traditionellen privaten Anbietern machen die Hochschulen Konkurrenz. "Die Universitäten stehen in den Startlöchern, um immer neue Weiterbildungsmaster auf den Markt zu bringen", sagt Helmut Vogt (lesen über das berufsbegleitende Studium auch Vom Büro zur Uni zum Aufstieg).

Die DGWF in Hamburg vertritt 136 Fernlern-Institute. 200 Einrichtungen mehr sind inzwischen im Markt etabliert, meldet Distance-Learning. Das Forum selbst repräsentiert 75 Institute und spricht seit fast 40 Jahren für die Branche - bis vor vier Jahren allerdings noch als Deutscher Fernschulverband mit dem schlichten Kürzel DFV. Der neue Titel soll jetzt die Bedeutung des computergestützten Lernens unterstreichen. "Zwei Drittel aller genehmigten Fernkurse sind E-Learning-Angebote", berichtet Martin Kurz. Das bedeutet aber nicht, dass ein im Schnitt 4000 Stunden umfassendes Studium komplett vor dem Rechner verbracht werde. "Print ist nach wie vor das Leitmedium, aber interaktive Übungen und Simulationen ergänzen es." Das Schlagwort heißt E-Learning 2.0. Besonders voranbringen will es das Deutsche Netzwerk der E-Learning-Akteure, kurz D-ELAN mit seinen 37 Mitgliedern.

„Fernlernen macht nicht einsam“

"Fernlernen macht nicht einsam", versichert dessen Geschäftsstellenleiter Axel Wolpert. Projektblogs und Online-Seminare stärkten die Kommunikation unter den Teilnehmern und eröffneten ganz neue Gestaltungsmöglichkeiten. Auch wenn das nicht bei allen Fernstudenten, die den PC schon als Arbeitsmittel nutzen, auf Begeisterung stößt. "Bei dem benoteten Online-Seminar haben sich die Teilnehmer selbst übertroffen", berichtet etwa Britta Heer. "Egal, ob ich mich morgens oder abends eingeloggt habe, immer hatte schon jemand vor mir kluge Kommentare abgegeben - das war total stressig, und ich hatte zwei Wochen lang Kopfschmerzen."

300 Euro monatlich kostet ein Fernstudium im Schnitt, überschlägt Martin Kurz. Dafür gebe es viel Flexibilität und eine exzellente Betreuung: Tutoren, die auch spätabends noch Fragen beantworten, und ein Prüfungssystem, das sich nach den Teilnehmern statt nach dem Lehrinstitut richtet. Die Studenten können täglich einsteigen und monatlich an zehn verschiedenen Orten in Deutschland ihre Prüfungen ablegen, sagt etwa Jens-Mogens Holm, der Präsident der Europäischen Fernhochschule in Hamburg. Zwei Jahre betrage die Regelstudienzeit für Hochschulabsolventen ohne BWL-Kenntnisse. Gut die Hälfte der Teilnehmer überziehe, aber das sei unproblematisch. "Das Studium kostet 12.000 Euro - egal, ob es zwei oder drei Jahre dauert."

Zugeständnis ans Privatleben

Auch Britta Heer will bis zum Abschluss ein halbes Jahr dranhängen. "Das ist ein Zugeständnis an mein Privatleben", sagt sie. Wohl auch eines an die Gesundheit. Beruflich bringt sie es locker auf eine 50-Stunden-Woche, denn der Job soll auf keinen Fall unter dem Studium leiden. Dazu kommen dann noch je 15 Fernlernstunden, in der Prüfungswoche sogar mehr: "Wenn mich dann der Stoff inhaltlich nicht anspricht, ist das die totale Quälerei."

Jeder Schüler kennt solche "motivationalen Schieflagen", wie Markus Deimann sie nennt. "Wenn die Motivation ausfällt, muss der Notfall-Akku einspringen", sagt der Mediendidaktiker an der Fernuniversität Hagen. Für den Erziehungswissenschaftler ist das die "Volition" - darunter versteht er den Willen, zu lernen und ein Ziel zu erreichen. Zur Unterstützung für alle willensgesteuerten Lerner hat Deimann einen Test ins Netz gestellt, der ihre Kompetenzen erfasst und Gegenstrategien aufzeigt. Sein Fazit: "Der Wille ist wie ein Muskel, der erschlafft, wenn man ihn nicht trainiert." Für Britta Heer besteht dieses Risiko offenbar nicht. Ob Selbstvertrauen, Entspannungstechniken oder Zeitmanagement - die Ampel, die nach der Beantwortung der Testfragen die aktuelle Motivation widerspiegelt, zeigt für sie überall auf Grün. "Ich will und ich kann lernen", sagt sie selbst.

Statt auf Tests setzt Martin Kurz lieber darauf, Interessierte dazu einzuladen, das Fernlernen einfach einmal auszuprobieren. "Selbstbeobachtungsbögen können auch abschrecken", begründet er seine Skepsis. "Unsere Schulbiographie ist ganz klar durch das Präsenzlernen geprägt", analysiert Kurz die Berührungsängste mancher Kandidaten. "Aber es geht auch anders." Das Forum belegt dies jährlich mit einem Studienpreis für herausragende Fernlernleistungen, gern werden damit Aufstiegsgeschichten wie die "vom Straßenwärter zum Technischen Betriebswirt" ausgezeichnet. Aber im Grunde steckt in jedem Fernlerner, der durchhält, ein Preisträger. Denn Kündigungs- und Ausstiegsmöglichkeiten gibt es immer, räumt Martin Kurz ein. "Aber die wenigsten Fernstudenten nehmen sie wahr." Die Abbrecherquote liege an der kostenlosen Fernuniversität Hagen mit 20 Prozent noch am höchsten, aber immer noch unter der Quote der Präsenzuniversitäten. Fernlerner wissen offenbar sehr genau, worauf sie sich einlassen: 72 Prozent suchen und finanzieren ihren Kurs in Eigeninitiative, nicht selten auch ohne Kenntnis des Arbeitgebers.

Ein Instrument der Personalentwicklung

"Ein Instrument der Personalentwicklung ist das Fernlernen allenfalls in den Konzernen", sagt Martin Kurz. Allerdings honorierten die Arbeitgeber einen erfolgreichen Abschluss durchaus: "Dann gibt es ein dickes Lob, manchmal auch einen Bonus." Und die Karrierechancen steigen: In einer repräsentativen Forsa-Studie gaben neun von zehn Personalverantwortlichen vor kurzem den Absolventen von Fernlehrgängen besonders gute Noten, als es um Soft Skills wie Selbständigkeit, Zielstrebigkeit und Zeitmanagement ging.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel