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Kolumne „Was war denn nur los?“

04.12.2009 ·  Klops stellte sich neben den Beamer und begann locker und eloquent seinen Vortrag. Jeder konnte sofort erkennen: Der Mann war in Hochform. Jeder erkannte aber auch sofort: Seine Hose stand offen.

Von Georg M. Oswald
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Ein angenehmes Summen ertönte, die ansonsten vollautomatisch gesteuerten Rollos wurden mittels Knopfdrucks heruntergefahren, der Konferenzraum verdunkelte sich, die Anwesenden, die Gesandtschaft des Kunden wie auch die Mitarbeiter der Agentur fühlten sich unweigerlich an die Vorfreude vor einem Kinobesuch erinnert. Zink hatte den Laptop hochgefahren und an den Beamer angeschlossen, eine verheißungsvolle 3D-Animation zeigte den ins Monumentale aufgeblasenen Kundennamen im Licht eines Sternenhimmels. Nur ein Screensaver, ein kleiner Scherz. Doch jetzt begann die eigentliche Präsentation.

Klops, Mitarbeiter der Agentur, stand auf. Es war sein Moment. Produkte, Dienstleistungen, Skills des Kunden sollten mit der neuen Kampagne aus völlig neuer Perspektive gezeigt werden. Klops stellte sich neben den Beamer und begann locker, eloquent. Jeder konnte sofort erkennen: Der Mann war in Hochform. Jeder erkannte aber auch sofort: Seine Hose stand offen. Im Halbdunkel des Raumes lugte ein weißer Hemdzipfel hinter dem offenen Reißverschluss hervor.

Zink dachte, das kann doch in unseren herrlich unverkrampften Zeiten kein großes Problem darstellen. Wir leben ja nicht in den fünfziger Jahren! Sein erster Impuls war deshalb: Schnell aufstehen, zu Klops hingehen, ihn dezent darauf hinweisen. Wenn Klops geistesgegenwärtig war, drehte er sich kurz um, zog den Reißverschluss zu, wandte sich mit einem überlegenen Lächeln wieder seinem Publikum zu, und der Fall war erledigt. Doch als Zink in die Gesichter der Zuschauer sah, fürchtete er, es könnte dafür schon zu spät sein.

Diejenigen, welche Klops' Arbeit schätzten, sahen bestürzt drein, die Neutralen mitleidig, die eher Abgeneigten belustigt und einige sogar hämisch. Doch wie auch immer sie dazu standen, alle hatten sie Klops ein Wissen voraus, das dessen Vortrag zur Nebensache machte. Und das, obwohl Klops wirklich gut war, originell, überraschend, gewinnend, positiv, überzeugend - aber eben all das mit offener Hose. Und niemand konnte oder wollte etwas tun. Seine Mitstreiter wollten ihn nicht noch mehr bloßstellen. Der richtige Zeitpunkt für einen Hinweis war längst verpasst.

Seine Feinde ergötzten sich an seiner Selbstdemontage. Er war verloren wie auf offener See. Als er fertig war, wurde stark applaudiert. Seine Kampagne wurde abgelehnt. Hinterher fragte er Zink: „Was war nur los, ich war doch gut!“ Jetzt brachte Zink es erst recht nicht mehr übers Herz, es zu sagen. Klops würde es selbst bald herausfinden. Er sagte nur: „Ehrlich. Ich kann's mir auch nicht erklären.“

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Quelle: F.A.Z.
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