23.12.2009 · Flachs nahm sich vor, die Ruhe zu bewahren. Jedes Unternehmen konnte einmal in die Schlagzeilen geraten, das war an sich ja noch nichts Verwerfliches. „Stillschweigen“, lautete nun die Parole des Unternehmens. Doch wie man Stillschweigen bewahren sollte - das blieb leider jedem selbst überlassen.
Von Georg M. OswaldFlachs nahm sich vor, die Ruhe zu bewahren. Jedes Unternehmen konnte einmal in die Schlagzeilen geraten, das war an sich ja noch nichts Verwerfliches. Andererseits: Nicht alle Entscheidungen, die man je getroffen hatte, waren für eine öffentliche Diskussion geeignet. Das zu wissen bedeutete noch längst nicht, der Mauschelei und persönlichen Vorteilnahme das Wort zu reden. Und doch: Was man einmal im Vertrauen hinter verschlossenen Türen im besten Einvernehmen für richtig gehalten hatte, konnte im grellen Tageslicht der Öffentlichkeit plötzlich ganz unvorteilhaft aussehen. Die Führungsebene, zu der sich Flachs nicht ohne Stolz zählen durfte, hatte deshalb vereinbart, vorerst Stillschweigen zu bewahren.
„Vorerst Stillschweigen bewahren“ konnte man nun allerdings auf sehr unterschiedliche Weise. Weitere Vorgaben wurden nicht gemacht. Wie vorerst Stillschweigen bewahrt wurde, blieb jedem selbst überlassen. Natürlich am besten so, dass kein neuer Ärger entstand. Flachs bereitete das Sorgen, denn Wendigkeit, Eleganz, Geschmeidigkeit waren nicht gerade die Eigenschaften, die ihn nach oben gebracht hatten, und das wusste er. Auf seiner Habenseite hingegen stand eine Direktheit, die manchem schon als Dreistigkeit erschien. Direktheit aber, und auch das wusste er, war in der aktuellen Lage das Letzte, was ihm helfen konnte. Bald würde der Anruf des ersten Journalisten kommen, und dann musste Flachs reagieren, doch wie? Ein Blick darauf, wie seine Kollegen das Problem angingen, überzeugte ihn nicht.
Da waren zum Beispiel Schads Bitte um Verständnis, als Betroffener nicht Stellung nehmen zu können, die beinahe einem Schuldeingeständnis gleichkam. Stumps bewusste Nachlässigkeit, mit der er Rückrufbitten ignorierte, die ihm sicher noch einmal vorgehalten würde. Schmids ausgesuchte Arroganz, mit der er ausrichten ließ, er gedenke, sich nicht zu äußern. Hubs unsichere Bitte um einen Tag Bedenkzeit, nach dem er dann erklärte, er werde gar nichts sagen. Becks beleidigtes Gezeter über mangelnden Stil.
Nachdem Frau Strick, Flachs’ Sekretärin, den Anruf entgegennehmen würde, bezog er sie in seine Überlegungen mit ein. „Es muss klar sein, dass ich nichts sage, und doch auch so klingen, als könnte ich gar nichts sagen“, erläuterte Flachs. Gemeinsam suchten sie nach einer passenden Formulierung, als das Telefon klingelte. Frau Strick hob ab. Ein Vertreter der Presse, wie sie Flachs augenrollend und mit lautlosen Lippenbewegungen zu verstehen gab. Dann sagte sie: „Herr Flachs gibt keine Auskunft, und er ist auch gar nicht da!“