24.11.2011 · Plotz gliederte die Firmengeschichte in Epochen und gab ihnen die Namen, die für sie standen: Gaby, Katrin, Monika, Annette, Yvonne, Carla, Michaela.. Von kleinkariertem Denken hatte er sich noch nie schrecken lassen.
Von Georg M. OswaldDie meisten Menschen hatten ein viel zu kleingläubiges Verhältnis zur Machbarkeit, dachte Plotz. Sie glaubten nicht an Visionen und kamen sich schlau vor, wenn sie Schmidt zitierten: „Wenn Sie Visionen haben, gehen Sie zum Arzt.“ Pah! Was wäre er, Plotz, ohne Visionen gewesen. Er hatte das Unternehmen zu dem gemacht, was es heute war. Dabei hatten ihm viele schon in den frühen Siebziger Jahren sein Ende prophezeit.
Damals hatte er sich von seiner ersten Frau scheiden lassen, in vergleichsweise noch ganz jungen Jahren. Die Vorstellungen waren in dieser Zeit ja ganz allgemein sehr eingeschränkt. Keine Visionen. Wenn die Affäre mit seiner Sekretärin früher öffentlich geworden wäre, hätte er tatsächlich Schwierigkeiten bekommen können. In dieser Branche geschieden an der Spitze eines Unternehmens? Unmöglich, dachten viele. Doch Plotz hatte sich von solch kleinkariertem Denken nicht schrecken lassen. Die Zügel der Moral lockerten sich allmählich, auch in diesem Unternehmen. Die siebziger Jahre waren zweigesichtig. Einerseits standen sie im Zeichen wachsender Prosperität und größerer Freizügigkeit, in jeder Hinsicht, wohlgemerkt. Andererseits diese permanente Angst vor dem Weltuntergang. Nun ja, die Zukunft zeigte ja dann, dass noch ganz andere Dinge möglich wurden.
Das Unternehmen stieß in ungeahnte Dimensionen vor, mit Plotz an seiner Spitze. Für sich persönlich, im Stillen, gliederte er die Firmengeschichte in Epochen und gab ihnen die Namen, die für sie standen: Gaby, Katrin, Monika, Annette, Yvonne, Carla, Michaela ... Nicht mit allen von ihnen war er verheiratet gewesen, weiß Gott nicht, aber das hieß nicht, dass ihm nicht alle etwas bedeutet hätten. Sehr viel sogar. Die achtziger, neunziger und zweitausender Jahre zogen an Plotz’ geistigem Auge vorbei wie ein immer breiter werdender Strom von Frauen, die er gekannt hatte. Wenn er einmal ein Buch schriebe, wüsste er schon den Titel. „Visionen der Machbarkeit“, ja, so würde er es nennen.
Im krönenden Schlusskapitel würde er beschreiben, was er als Nächstes vorhatte. Er hatte es nicht geplant, es hatte sich so ergeben, und, sicher, bekanntzugeben, er habe sich bei noch bestehender Ehe mit der achtzehnjährigen Tochter des Mehrheitsgesellschafters verlobt, würde für Irritationen sorgen. Vor allem beim Mehrheitsgesellschafter. Aber auch der würde, nachdem der erste Schrecken einmal überwunden wäre, begreifen, welche Synergien hier freigesetzt wurden. Neue Horizonte eröffneten sich. Man sollte nie vorschnell von Schlusskapiteln sprechen.
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