27.08.2008 · Das Aktienpaket muss unbedingt verkauft werden, denn morgen ist der Gewinn futsch. Doch Höll erreicht seinen Bankberater nicht, sondern hängt für 56 Cent je Minute im Callcenter fest. Jetzt ist schnelles Handeln gefragt ...
Von Georg M. OswaldIhr persönlicher Kundenberater befindet sich gerade im Gespräch mit einem anderen Kunden. Wir verbinden Sie daher nun mit unserem bundesweiten Aktionscenter. Dieser Service wird Ihnen mit 56 Eurocent pro Minute berechnet."
Höll wollte die Aktien loswerden, die er vor ein paar Wochen gekauft hatte, sie waren im Kurs gestiegen. Er war alles andere als ein Großanleger, und die Investition eines mittleren vierstelligen Betrages für ihn ein gewagter Versuch mit beträchtlichem persönlichen Risiko. Gern, ein Kollege, hatte ihm einen Tipp gegeben. Von einem anderen Kollegen hatte er sich vor ein paar Jahren zu Telekom-Aktien überreden lassen und es bitter bereut. Gerns Tipp war besser gewesen. Aber jetzt eilte es.
"Heute musst du verkaufen", sagte Gern, "morgen fallen sie, dann ist dein Gewinn futsch." Keine Ahnung, woher er das wusste, aber er hatte einmal recht gehabt, warum sollte er nicht ein zweites Mal recht haben. Schon den ganzen Vormittag über wählte Höll die Nummer seines Kundenberaters bei seiner Bank. "Ihr persönlicher Kundenberater immer für Sie da" stand auf der Visitenkarte, die der Mann ihm bei der Kontoeröffnung überreicht hatte.
56 Cent für verführerische Frauenstimmen
Das Band sagte etwas anderes: "Ihr persönlicher Kundenberater befindet sich gerade im Gespräch mit einem anderen Kunden. Wir verbinden Sie daher nun mit unserem bundesweiten Aktionscenter. Dieser Service wird Ihnen mit 56 Eurocent pro Minute berechnet." Höll legte rasch auf. Nicht wieder das Aktionscenter. Dort hatte er, immer wenn er nicht rechtzeitig auflegte, für 56 Eurocent pro Minute von verführerischen Frauenstimmen erfahren, dass sie seinen Auftrag nicht entgegennehmen könnten. Er müsse sich an seinen persönlichen Kundenberater wenden, der sei immer für ihn da. Höll bat seinen Vorgesetzten um eine zusätzliche Freistunde während der Mittagszeit. Er fuhr zu seiner persönlichen Bankfiliale. Sie war geschlossen. Er durchkämmte die Gegend. In einem Schnellimbiss um die Ecke machte er ihn ausfindig.
"Halt! Halt! Sie sind mein persönlicher Kundenberater", rief Höll. Der Mann machte ein Gesicht, als fürchte er, überfallen zu werden.
"Ja, wirklich! Der sind Sie! Ich will Aktien verkaufen."
Der Mann würgte seinen Leberkäse hinunter.
"Warum rufen Sie mich nicht einfach an?"
Höll hakte sich bei dem Mann unter, der versuchte, sich mit sanfter Gewalt zu befreien, doch der Griff seines Kunden wurde eisern.
"Es ist nicht so einfach, Sie anzurufen, glauben Sie mir. Es ist auch nicht so einfach, Sie zu finden. Der Leberkäse geht auf mich. Los, gehen wir!" Arm in Arm, wie ein innig vereintes Paar, betraten Höll und sein persönlicher Kundenberater die Bankfiliale.
Hat die Bank erst einmal das Geld des Kunden,
Karl-Heinz Andresen (khaproperty)
- 27.08.2008, 20:47 Uhr