24.01.2012 · Das Erscheinen des Unternehmenstheatermachers bestätigte Fips in seinem Vorurteil. Der Mann hieß Roué, hatte vierzig Jahre Theatererfahrung auf seinem sehnigen Rücken und sagte, er werde nicht ruhen, bis die Bühne in Flammen stehe.
Von Georg M. OswaldFips war ein beflissener Angestellter, was sich vor allem darin äußerte, dass er stets versuchte vorauszuahnen, was von ihm erwartet wurde. Im gewöhnlichen Arbeitsalltag fiel ihm das nicht schwer, doch manchmal gab es Situationen, in denen er den Überblick verlor.
War es etwa seine Schuld, dass er den Begriff „Unternehmenstheater“ noch nie gehört hatte? Er vermutete sogleich etwas Despektierliches darunter. Das Erscheinen des Unternehmenstheatermachers bestätigte ihn in seinem Vorurteil. Der Mann hieß Roué, hatte vierzig Jahre Theatererfahrung auf seinem sehnigen, immer noch durchtrainierten Rücken und sagte, er werde nicht ruhen, bis die Bühne in Flammen stehe. Fips sprach mit seinem Vorgesetzten darüber, der ihm erklärte: „Keine Sorge, Fips! Unsere Führungsspitze wird sich schon was dabei gedacht haben. Tun Sie einfach, was man von Ihnen verlangt, dann kann Ihnen nichts passieren.“
Fips ließ es sich gesagt sein. Bei der ersten Probe erklärte Roué: „Das Stück, das wir spielen werden, heißt: ,Der stornierte Kundenauftrag.“ Er verteilte die Rollen. „Du spielst den Revolutionär“, sagte er zu Fips. Der hätte gerne abgelehnt, aber da es letztlich die Geschäftsleitung war, die es von ihm verlangte, übernahm er die Rolle. „Was sagt denn ein Revolutionär?“, fragte er. Als Roué bemerkte, dass dies keine Scherzfrage war, legte er mitleidig den Arm um Fips’ Schultern. „Zu meiner Zeit wärst du für diese Frage verprügelt worden. Aber gut, tempi passati. Mach es einfach wie der gute, alte Obelix: Sag, was dir gerade durch den Kopf geht.“
Das erschien Fips als Vorbereitung völlig unbefriedigend. Er fragte sich: „Was tun?“, gab diese Frage bei Google ein und wurde fündig. Eine Woche später stand er auf der Bühne und deklamierte:
„Wir schreiten als enggeschlossenes Häuflein, uns fest an den Händen haltend, auf steilem und mühevollem Wege dahin. Wir sind von allen Seiten von Feinden umgeben und müssen fast stets unter ihrem Feuer marschieren. Wir haben uns, nach frei gefasstem Beschluss, eben zu dem Zweck zusammengetan, um gegen die Feinde zu kämpfen und nicht in den benachbarten Sumpf zu geraten, dessen Bewohner uns von Anfang an dafür schalten, dass wir uns zu einer besonderen Gruppe vereinigt und den Weg des Kampfes und nicht den der Versöhnung gewählt haben.“
Er sah in die entsetzten Gesichter der Führungsriege im Publikum und vermutete, sie seien Teil der Inszenierung, genauso wie das begeisterte Fähnchenschwingen in der Betriebsratsecke. Roué reckte die Fäuste. Der Abend endete im Tumult. Den Ruf, eine tickende Zeitbombe zu sein, wurde Fips nicht wieder los.
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