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Kolumne Unter Beobachtung

Rath hatte das Gefühl, dass man ihn beobachtete. Ihn und sein Haus. Da war die Sache mit dem Kärtchen am Auto. Dann eine ominöse Postwurfsendung. Und dann riet ihm auch noch sein Banksachbearbeiter, den Job zu wechseln...

© Cyprian Koscielniak

Als Rath zum ersten Mal eines dieser Kärtchen am Seitenfenster seines Autos entdeckte, schämte er sich sehr. Jemand bot ihm auf diesem für alle Welt gut sichtbaren Weg an, sein Auto abzukaufen. „Wir kaufen: Unfall-, Motor- und Getriebeschäden, TÜV fällig, Reparatur fällig, Leasingfahrzeug.“ Nichts von alldem traf auf seinen Wagen zu.

Gut, er war nicht mehr ganz neu. Ehrlich gesagt, alles andere als neu, und Rath trug sich auch seit einer Weile mit dem Gedanken, sich dereinst einen neuen zu kaufen, aber das kostete schließlich einen Haufen Geld. Doch sah sein jetziger schon derart mitgenommen aus, dass Leute sich aufgefordert fühlten, ihm per Zettel eine Art Notverkauf anzubieten? Ein Blick um sich tröstete Rath ein wenig. Immerhin schien er nicht der Einzige zu sein, der eine solche Botschaft erhalten hatte. Auch an anderen Seitenfenstern steckten Kärtchen. Aber nicht an allen. Es war genau dieses Detail, das ihn daran hinderte, die Sache zu vergessen. Jemand schien sich genau überlegt zu haben, wer dafür in Frage kam und wer nicht.

Als er eines Tages im Briefkasten die Wurfsendung einer Glaserei fand, die ihm rundheraus empfahl: „Bringen Sie jetzt Ihre Fenster auf den energietechnisch aktuellen Stand!“, dämmerte ihm, dass man ihn beobachtete. Ihn und sein Haus. Ein Blick darauf genügte, um zu sehen, dass die Fenster nicht mehr ganz den neuesten Ansprüchen genügten. Aber musste man das so direkt ansprechen? Zumal die Wurfsendung so in den Briefkasten gesteckt worden war, dass alle Nachbarn sehen konnten, wer eine bekommen hatte und wer nicht. Diese Einzelheit war ihm wiederum nicht verborgen geblieben.

Rath war entsetzt, als ihn auf dem Weg von der U-Bahn zum Büro plötzlich ein junger Mann fragte: „Haben Sie schon mal über einen neuen Anzug nachgedacht?“, und er wäre am liebsten im Erdboden versunken, als ihn sein Banksachbearbeiter fragte: „Ich habe mir Ihre monatlichen Gehaltsüberweisungen angesehen. Finden Sie nicht, es wäre an der Zeit, den Job zu wechseln?“ Rath lebte schließlich in entsetzlicher Angst vor immer neuen derartigen Übergriffen. Allein die Scham hielt ihn davon ab, mit irgendjemandem darüber zu reden.

Bis ihn eines Sonntags im Tierpark, als er, nach einer kleinen Meinungsverschiedenheit, ein paar Meter hinter seiner Frau und seinen Kindern herging und ihn, mal wieder, ein Fremder ansprach. Alle wunderten sich deshalb, als Rath auf die ohne besondere Absicht und freundlich gestellte Frage „Ist das Ihre Familie?“ scheinbar ohne Grund sehr aggressiv zurückfragte: „Warum wollen Sie denn das wissen?“

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Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Quelle: F.A.Z.

 
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