27.10.2011 · Unvermittelt fragte Pink: „Was denken Sie eigentlich über Rot?“ Das war ganz und gar keine harmlose Frage. Weiß dachte lange nach, dann kam ihm die rettende Idee.
Von Georg M. OswaldDer Referent wünschte den Teilnehmern der Teambuilding-Konferenz einen fruchtbaren Gedankenaustausch und entließ sie in die Kaffeepause auf der Terrasse des Tagungshotels. Personal in schicken Hoteluniformen reichte Getränke. Es war die erste Unterbrechung am ersten Tag, die Teilnehmer hatten sich untereinander noch nicht gefunden. Erste kleine Runden bildeten sich und lösten sich schnell wieder auf.
Weiß sah Pink, den er flüchtig kannte. In einem ersten Reflex versuchte er ihm auszuweichen, ohne eigentlich zu wissen, warum, aber Pink ließ ihn nicht entkommen, winkte, und schon standen sie an einem der Stehtische zusammen. Als nach den ersten zwei, drei unverbindlichen Sätzen das Gespräch schon zu erliegen drohte, fragte Pink Weiß unvermittelt: „Was denken Sie eigentlich über Rot?“ Das war ganz und gar keine harmlose Frage. Rot war ein Kollege von Pink, der, wie gemunkelt wurde, in Weiß’ Abteilung wechselte.
Während Weiß in Pinks Gesicht zu lesen versuchte, ob der etwas Positives oder etwas Kritisches über Rot hören wollte, dachte er nach. War Pink ein Freund oder Feind von Rot? Wollte er herausfinden, ob Weiß ein Freund oder Feind von Rot war? Falls ja, um sich mit Weiß verbünden oder um Rot warnen zu können? In welchen Allianzen befand sich Pink, und warum fragte er ihn? In welchen Allianzen befand sich Rot und was bedeutete das für ihn? Während Weiß beobachtete, wie Pink ihn beim Nachdenken über Rot, beobachtete, ohne dass seine Miene etwas verriet, kam ihm die rettende Idee. Er stellte die Gegenfrage: „Und Sie?“ Pink machte eine Schnute, die bedeuten sollte, Weiß habe etwas sehr Erwägenswertes von sich gegeben, schien aber im Gegensatz zu diesem nicht überrascht. „Man muss sehen“, sagte er. Nach diesem Gedankenaustausch nickten sich Weiß und Pink zu und gingen auseinander.
Wenig später entdeckte Weiß Rot, der sichtlich vorhatte, ihm auszuweichen, aber Weiß ließ ihn nicht entkommen. Nach ein paar unverbindlichen Worten stellte er ihm die ganz und gar nicht harmlose Frage: „Was denken Sie eigentlich über Pink?“ Weiß beobachtete das Mienenspiel auf Rots Gesicht, das zunächst eine eindeutige Reaktion zeigte, dann den Versuch, diese zu verbergen und möglichst neutral zu erscheinen, schließlich den Denkvorgang bis zur Gegenfrage: „Und Sie?“ Er verstand nun, warum Pink ihn gefragt hatte. Wenig später sah er, wie Pink erfolglos versuchte, Rot auszuweichen.
Unabhängig voneinander bestätigten Rot, Weiß und Pink später, sie hätten den Gedankenaustausch als sehr fruchtbar empfunden.
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