Home
http://www.faz.net/-gyn-760zt
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Kolumne Unabänderliche Beschlüsse

Es fühlte sich anders an, als Oz erwartet hatte. Es war klar gewesen, dass dieses Gespräch früher oder später stattfinden würde. Er war noch ein wenig betäubt und doch erleichtert, denn es hatte viel weniger weh getan als befürchtet.

© Cyprian Koscielniak Vergrößern

Als Oz aus dem Besprechungszimmer herauskam und zurück in sein Büro ging, fühlte es sich anders an, als er erwartet hatte. Es war klar gewesen, dass dieses Gespräch früher oder später stattfinden würde. Jetzt hatte es stattgefunden, und es ging ihm wie nach einer tapfer überstandenen Zahnbehandlung: Er war noch ein wenig betäubt und doch erleichtert, denn es hatte viel weniger weh getan als befürchtet.

Ast hatte ihn zu dem Gespräch bestellt, und es war ihm sichtlich unangenehm gewesen, es führen zu müssen. Schon am Telefon hatte er so etwas in der Stimme gehabt, das Oz sofort ahnen ließ, was jetzt käme. Und er hatte sich nicht getäuscht.

Zuerst hatte Ast von unabänderlichen Beschlüssen und dem Bedauern darüber gesprochen, dann viel von „Aufbruch“ und „Zukunft“ und „Chancen“, ganz so, wie es sich in einer solchen Situation gehört.

Oz war gerührt gewesen von so viel kollegialem Taktgefühl. Dabei war doch klar, man hatte gesagt, man würde für eine gewisse Zeit zusammenarbeiten, vielleicht ein, zwei Jahre. Jetzt waren fünf daraus geworden. Und langweilig war es immer noch nicht. Gerade die rechte Zeit also, um aufzuhören.

Eine Woge stummen Mitgefühls der Mitarbeiter trug ihn durch den Flur zurück zu seinem Schreibtisch. Sie hatten ihn manchmal mit Ideen versorgt, wenn er selbst nicht mehr weiterkam. Ein paar Tage noch würde er ihnen nun noch bei der Arbeit zusehen, selbst schon ohne eigentliche Aufgabe. Und dann gab es da noch die Kunden, mit denen man selten Kontakt hatte, doch wenn dann immer positiv. Einige von ihnen hatten ja regelmäßig ihren Spaß daran gehabt, mit und weiter zu denken. Egon Weissmann zum Beispiel. Den würde Oz bestimmt vermissen.

Aber es gab auch Dinge, die jetzt einfacher wurden: Die Menschen an den Flughäfen, in den Zügen, in den Kantinen und Büros, denen Oz begegnete, würden jetzt nicht mehr von ihm abgehört. Wenn sich ihm jemand vorstellte, der „Kern“, „Schacht“ oder „Fink“ hieß, würde Oz nicht mehr unwillkürlich „Ah! Sehr schön, danke!“ antworten und Verwunderung ernten.

Seine Frau konnte nun wieder von ihrer Arbeit erzählen, ohne befürchten zu müssen, alles würde am Sonntag darauf in der Zeitung stehen. Oz durfte jetzt wieder einen Abend mehr in der Woche im Kreis der Familie verbringen. Er rief zu Hause an, um die Nachricht mitzuteilen. „Und wie ist dein Tag jetzt, Schatz?“, fragte seine Frau. Oz antwortete: „Ich werde Texte schreiben, die länger sind als 2500 Zeichen. Mehrsilbige Nachnamen werden darin vorkommen. Und ich sehe vor mir die unendliche Weite unberührter Wochenenden ...“

Mehr zum Thema

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Folge des Mindestlohns Taxifahren in Frankfurt wird teurer

Der Mindestlohn von 8,50 Euro lässt die Kosten für Taxiunternehmen steigen. In Frankfurt könnten die Fahrpreise um ein Viertel steigen und auch in Darmstadt werden höhere Tarife diskutiert. Mehr Von Manfred Köhler

18.10.2014, 13:30 Uhr | Rhein-Main
Ansteckung in Guinea Erster Ebola-Fall in New York

Der New Yorker Bürgermeister Bill de Blasio hat erklärt, dass ein mit dem Ebola-Virus infizierter Arzt in ein New Yorker Krankenhaus gebracht wurde. Der 33-Jährige war kürzlich aus Guinea zurückgekehrt, wo er Kontakt mit Ebola-Patienten gehabt hatte. Mehr

24.10.2014, 09:18 Uhr | Gesellschaft
Eintracht Frankfurt Ein wachsames Adlerauge

Die Scouting-Abteilung war bisher ein Schwachpunkt der Eintracht. Bernd Legien wird ihr neuer Chef, weil er einen Blick für Talente hat. Mehr Von Marc Heinrich, Frankfurt

16.10.2014, 08:23 Uhr | Rhein-Main
Warten auf Fußballplatz vom DFB

Eigentlich sollte der Bolzplatz in Santo André ein richtiger Fußball-Platz werden. Doch jetzt passiert nichts. Der DFB weiß nicht, was los ist. Die brasilianischen Dorfbewohner befürchten, dass das Projekt nach der WM versandet. Mehr

30.06.2014, 13:34 Uhr | Sport
Biograph Reiner Stach Was für ein Kind war Kafka?

Franz Kafkas Kindheit fand ohne Freunde statt und wurde von den permanenten Drohungen des Vaters begleitet. Wie münzte Kafka seine schwierige Kindheit in literarische Stärke um? Mehr

10.10.2014, 13:08 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 24.01.2013, 18:00 Uhr