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Kolumne Sprachlos nach oben

 ·  Klamm verliert seine Stimme und das ausgerechnet vor dem wichtigen Vorstellungsgespräch mit dem Star der Branche. Das kann ja nur schief gehen - oder?

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Klamm war zufrieden mit seiner Karriere. In seinem Fall war das Wort durchaus angemessen. Mit 42 Jahren hatte er es bis in die Geschäftsleitung gebracht, und sein Chef würde in drei Jahren in den Ruhestand gehen. Dass Klamm der Nachfolger würde, galt als ausgemachte Sache. Doch dann rief Stahl an. Nicht Stahl selbst natürlich, sondern sein Büro. Stahl war der Star der Branche. Aus dem Nichts hatte er ein kleines Imperium geschaffen. Die Firmen, die Stahl besaß, waren nicht nur rentabel, sie waren schick - sexy, wie die Zeitungen neuerdings schrieben.

Stahl wollte Klamm sehen. Es konnte nur um ein Jobangebot gehen. Eine Spitzenposition, dachte Klamm, sonst würde Stahl ihn nicht persönlich sprechen wollen. Am liebsten schon in der nächsten Woche. Klamm sagte zu.

Als es so weit war, verspürte Klamm morgens ein leichtes Kratzen im Hals, das auch nach dem Frühstück nicht verschwinden wollte. Es tat kaum weh, und Klamm schenkte ihm keine Beachtung. Als er am frühen Nachmittag jedoch den Glaspalast betrat, in dem Stahls Holding residierte, und er dem Pförtner seinen Namen sagen wollte, brachte er keinen Ton mehr heraus. Seine Stimme war vollständig verschwunden. Für eine Umkehr war es allerdings zu spät. Schon tauchte Stahls Sekretärin auf und führte den ratlosen Klamm, der fürchtete, sein plötzlicher Stimmverlust könnte zum Gegenstand psychologischer Spekulationen werden, in Stahls Büro.

Stahl saß in einem Lounge Chair von Eames und las ein Buch: Walden or Life in the Woods. „Kennen Sie es?“ Stahl stand schwungvoll auf und hielt das Buch in die Höhe. Klamm bewegte lautlos die Lippen und hob entschuldigend die Arme.

“Ach, ja, Sie Armer. Natürlich kennen Sie es. Setzen Sie sich.“ Stahl deutete auf ein elegantes Sofa, auf dessen vorderer Kante Klamm nun Platz nahm. Stahl schien nicht zu stören, dass er das Gespräch alleine führen musste. Es ging tatsächlich um einen interessanten Job. Um die Geschäftsführung eines traditionsreichen Unternehmens, das Stahl kürzlich gekauft hatte. Natürlich gäbe es einige Kandidaten für einen solchen Posten, Stahl nannte sogar Namen, aber Klamm sei ihm sehr empfohlen worden.

Klamm zuckte mit den Achseln. Stahl redete weiter. Über die Firma, die Politik, die Philosophie, über Walden und einiges andere. Schließlich meldete die Sekretärin, Stahls „nächster Termin“ warte im Vorzimmer. „Wie schade“, sagte Stahl, während Klamm, erleichtert, sich stumm verabschiedete.

Es dauerte drei Tage, bis er seine Stimme wieder hatte. Am vierten Tag kam eine SMS von Stahl. „Wenn Sie wollen, haben Sie den Job.“

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)

31.08.2012, 09:33 Uhr

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