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Veröffentlicht: 28.12.2012, 12:02 Uhr

Kolumne Späte Einsicht

Schon früh im Leben hatte Wirk begonnen, stets zu den Besten zu gehören. Das war zumindest seine Ansicht über sich selbst. Jedenfalls, bis Schröck ins Unternehmen kam.

von Georg M. Oswald
© Cyprian Koscielniak

Wirks beruflicher Werdegang zog viele Jahre die Bewunderung seiner Weggefährten auf sich. Schon früh im Leben hatte Wirk begonnen, stets zu den Besten zu gehören. Die Rolle war ihm nicht auf den Leib geschrieben, und er war auch keines der Talente, denen alles zuzufliegen schien. Etwa mit sechzehn ging eine Wandlung in ihm vor, die seine Zukunft bestimmen sollte. Er hatte nie in Worten auszudrücken versucht, worin diese Wandlung eigentlich bestehen sollte, aber dafür spürte er umso deutlicher, was er tun musste, um sie herbeizuführen.

Im Grunde war es darum gegangen, sein Verhalten seinem Ehrgeiz anzupassen. Konkret bedeutete das, Wirk zeigte in der Schule größeren Fleiß als bisher, schrieb bessere Noten, entwickelte Interessen, die er vertiefte, woraus sich später ganz natürlich die Wahl seines Studiums ergab. Wirk wurde ein schönes Beispiel für Erfolg durch fachliche Kompetenz und Engagement, und gerade dies machte es seinen Konkurrenten so schwer, ihm seine Fortschritte zu missgönnen. Sie waren so offensichtlich verdient, niemand konnte in Zweifel ziehen, dass er sie verdient hatte. Im Beruf bedeutete dies einen Aufstieg, dessen Selbstverständlichkeit etwas Verblüffendes an sich hatte.

All dies waren übrigens Wirks Ansichten über sich selbst. Er hatte nie danach gefragt, ob die anderen ihn wirklich ebenso sahen. Schmoll zum Beispiel, der nach vielversprechenden Anfängen letztlich sein ganzes bisheriges Berufsleben lang in Wirks Windschatten mitgefahren war. Nicht schlecht mitgefahren, wie Wirk wohl behaupten durfte. Es war so ein bestimmtes Gefühl, das Wirk sagte: Schmoll und alle anderen erkannten seine Überlegenheit an, weil sie natürlich war, zwingend, überzeugend.

Dieser Zustand dauerte zumindest so lange an, bis Schröck kam. Wirk begriff von Anfang an nicht, was alle an ihm fanden. Obwohl Schröck ein offensichtlicher Blender war, ein Intrigant, der schlecht arbeitete, aber sofort erfolgreicher war, zog er binnen kurzem an Wirk vorbei. Für den waren die Ursachen dafür offensichtlich: Unverfrorenheit und unverschämtes Glück. Es kostete Wirk lange Zeit und viel Kraft, diese Demütigung zu ertragen. Schließlich aber fand er eine Erklärung für das, was geschehen war. Jeder begegnete früher oder später im Leben seinem ganz persönlichen Schröck, dachte er nun. Dieser Gedanke erschien ihm so bedeutend, dass er ihn auch Schmoll gegenüber einmal aussprach, dessen Antwort ihn allerdings sehr überraschte, denn Schmoll sagte: „Schön, dass diese Einsicht ausgerechnet von Ihnen kommt, Herr Wirk.

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Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Quelle: F.A.Z.

 

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