Da bin ich ganz bei Ihnen, Frau Fink“, sagte Herr Keuch. Manche Menschen verwendeten die Floskel, sie seien ganz bei jemandem, um ihre Übereinstimmung auszudrücken. Herr Keuch, so hatte es den Anschein, wollte damit noch eine ganze Menge mehr gesagt haben. Zuweilen verwendete er sie auch, wenn er widersprach.
“Da bin ich ganz bei Ihnen, aber . . .“, sagte er dann. Zuerst, schon vor ein paar Jahren, war ihm die Wendung in einer Talkshow im Fernsehen aufgefallen und hatte ihn gar nicht sonderlich beeindruckt. Eigentlich hatte er sie sogar ein wenig affig gefunden. Aber sie war ihm im Gedächtnis geblieben. Wie ein Keim, der einige Zeit scheinbar unverändert daliegt, bevor er plötzlich austrieb.
Eines Tages, als Keuch die Talkshow schon längst vergessen hatte, verwendete er die Floskel, eher ironisch, was allgemein mit einem gewissen zustimmenden Schmunzeln zur Kenntnis genommen wurde. Keuch als Sprachkritiker, gewissermaßen. Dieser kleine Publikumserfolg führte dem Keim neue Nahrung zu. Keuch sagte jetzt öfter „da bin ich ganz bei Ihnen“, und die ursprüngliche Ironie schliff sich dabei immer weiter ab, bis schließlich nichts mehr von ihr übrig war. Keuch war nun immer häufiger „ganz bei Ihnen“.
Manchmal sagte er es schon, wenn er als Letzter in den Besprechungsraum kam und sich setzte, und hielt die allgemeine Heiterkeit, die das auslöste, für Wiedersehensfreude. Mehr und mehr bekam man den Eindruck, Keuch wollte, indem er jedem, mit dem er sprach, sagte, er sei ganz bei ihm, seine Verbundenheit mit Mensch und Welt ganz allgemein Ausdruck verleihen.
Mit Mensch und Welt, und, so erschien es in letzter Zeit Frau Fink, insbesondere mit ihr. Gleich ob Frau Fink Handouts verteilte, Ausführungen dazu machte, Grafiken am Beamer präsentierte, anmerkte, dass man für den Rest der Tagesordnung noch soundso viel Zeit habe, Herr Keuch war ganz bei ihr.
Was zunächst nur wie eine wenn schon nicht liebenswerte, so wenigstens bedeutungslose, später aber wirklich lästige Marotte daherkam, wuchs sich mehr und mehr zum Problem aus. Frau Fink berief eine Sitzung ohne Herrn Keuch ein, einfach, um einmal Dinge ohne ihn besprechen zu können. Er erfuhr natürlich davon und stellte Frau Fink in ihrem Büro zur Rede.
„Ich verstehe das nicht, Frau Fink, ich bin doch jederzeit ganz bei Ihnen!“, beklagte er sich. Frau Fink, die nicht mehr länger an sich halten konnte, erwiderte: „Das sind Sie Gott sei Dank nicht, Herr Keuch, und ich muss auch leider sagen: Keine Vorstellung wäre mir unangenehmer!“
Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.