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Montag, 13. Februar 2012
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Kolumne Sicher joggt er jeden Morgen

19.06.2009 ·  Lerch, seit zwei Wochen neu in der Abteilung, wurde von Beginn an von den Mitarbeiterinnen besonders aufmerksam betrachtet, von den Mitarbeitern besonders missgünstig belächelt: Er sah extrem gut und fit aus.

Von Georg M. Oswald
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Lerch, seit zwei Wochen neu in der Abteilung als Trainee, wurde von Beginn an von den Mitarbeiterinnen besonders aufmerksam betrachtet, von den Mitarbeitern besonders missgünstig belächelt. Niemand gelang es, das Offensichtliche zu ignorieren. Lerch sah enorm gut und enorm fit aus. Schon zu Beginn des Sommers war er braungebrannt und so durchtrainiert, dass man kein Hellseher sein musste, um zu erraten, dass er den größten Teil seiner Freizeit mit Sport an der frischen Luft verbrachte.

„Sicher joggt er jeden Morgen“, seufzte Frau Kling. „Sonnenstudio und Entwässerungspillen“, kläffte Herr Wirth. „Golf“, riet eine weitere Kollegin, „Radrennfahren“ eine andere. „Ihr habt keine Ahnung“, glaubte Frau Sand, die es auch nicht wusste, und hauchte: „Freeclimbing.“ Das klang eine Weile lang für die meisten am plausibelsten.

Auch Eul, der Abteilungsleiter, gute zwanzig Jahre älter als Lerch, doch ebenfalls sehr sportlich, bekam dieses Gerede mit. Einerseits freute es ihn, dass sich die Abteilung so intensiv mit dem neuen Mitarbeiter beschäftigte, andererseits wurmte ihn die offensichtliche Begeisterung der Frauen, wie ihn die durch Gehässigkeit nur unzureichend kaschierte Niedergeschlagenheit der Männer besorgt machte. Er musste etwas tun. Vielleicht nicht gerade in den Ring steigen, aber doch etwas in der Art: Sein Revier markieren, die Ordnung wiederherstellen.

Zuerst einmal galt es herauszufinden, in welcher Sportart sich Lerch zu Hause fühlte. Nicht durch schwärmerisches Rätselraten, sondern durch eine schlichte Frage. „Treiben Sie eigentlich Sport, Herr Lerch?“, fragte er ihn am Kaffeeautomaten. „Ja, ich spiele Tennis“, war die schlichte Antwort. Tennis! Das gute alte Tennis! Bei Freeclimbing hätte er sich schwergetan, aber da konnte Eul mitreden. Was war das für eine Begeisterung gewesen in den Achtzigern mit Boris und Steffi. Damals war Eul so alt wie Lerch heute - und spielte in der Gruppenliga. Das sollte doch genügen. Eul forderte Lerch zu einem Match. Der nahm gerne an. Nach Dienstschluss trafen sie sich auf dem Platz. Allein, Eul hatte niemandem Bescheid gesagt.

Beim Einschlagen stellte er zufrieden fest, dass er gut mithalten konnte. Bald konnte er es nicht mehr erwarten, um Punkte zu spielen, und sagte das auch. Lerch war einverstanden. Er besiegte Eul 6:1, 6:1. Eul hatte das deutliche Gefühl, dass Lerch ihn das eine Spiel pro Satz absichtlich hatte gewinnen lassen. Beim Shakehands bemühte Eul sich vergebens um ein gleichgültiges Lächeln. Am nächsten Tag sorgte er für die vorzeitige Versetzung Lerchs. Der Mann war einfach untragbar.

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Quelle: F.A.Z.
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