Knopp wählte Sticks Nummer, er hatte sich von ihm die Durchwahl geben lassen, damit er nicht immer erst übers Vorzimmer gehen musste. In dieser Phase der Verhandlungen, wo praktisch halbstündlich Abstimmungsbedarf war, sparte das eine Menge Zeit.
Umso überraschter war Knopp, als er trotzdem nicht Stick in der Leitung hatte, sondern Frau Schön, seine Assistentin. Knopp versuchte, sich seinen Unmut nicht anmerken zu lassen. Frau Schön war eine überaus engagierte Mitarbeiterin, die sich offensichtlich auch auf Sticks Telefon stürzte, wenn sie bei ihm im Zimmer war. Oder hatte Knopp sich verwählt?
“Ja, Knopp hier. Grüße Sie, Frau Schön. Ich dachte, ich hätte jetzt Herrn Sticks Nummer gewählt?“ Er sagte das ein bisschen schnippisch, weil er dachte, er hätte sie bei einer kleinen Übertretung ihrer Kompetenzen erwischt, die ihn überdies Zeit kostete, doch Frau Schön ließ ein beinahe wohliges Gurren hören. „Frau Schön?“ „Ja?“ „Nett, dass Sie rangegangen sind. Könnte ich jetzt bitte mit Herrn Stick sprechen?“ Wieder dieses Gurren, und dann, mit beherrschter Stimme: „Tut mir leid, Herr Stick ist leider nicht mehr bei uns.“
Knopp schnappte nach Luft. Das hatte er nicht für möglich gehalten. „Nicht mehr bei uns“, das klang, so pietätvoll ausgesprochen, als wäre Stick gestorben. Aber das war wohl zweifellos nicht der Fall. Dafür hätte Frau Schön sicher eine andere Floskel parat gehabt. Diese hier bedeutete etwas anderes.
Knopp wusste Bescheid. Sicher, jeden konnte es jederzeit erwischen, aber Stick hatte gar nichts angedeutet, geschweige denn gesagt. War er gefeuert worden? Oder hatte er selbst einen anderen Job gesucht und gefunden? Knopp hatte viel mit ihm zu tun gehabt in letzter Zeit und nicht die geringste Andeutung erhalten.
“Hat er im Haus gewechselt?“ „Nein, er hat sich verändert.“ „Äh, wie hat er sich denn verändert?“ „Das kann ich Ihnen nicht sagen.“ „Wissen Sie, ob er sich verändert hat, oder ob er eher mehr verändert wurde?“ „Ach, Herr Knopp, da fragen Sie mich zu viel. Ich weiß nur, dass er nicht mehr da ist.“ „Und ist schon jemand Neuer im Gespräch?“ „Nein, das nicht.“ Frau Schön seufzte. „Das mach ich jetzt mit. Also, Herr Knopp, wie kann ich Ihnen helfen?“
Frau Schön war nun also sozusagen der neue Herr Stick. Komisch war das schon. Stick hatte doch so große Pläne. Na ja, darüber würde Knopp nun wohl nichts mehr weiter hören. Während er mit Frau Schön redete, lenkte er den Cursor in der Rubrik „Kontakte“ auf den Namen Stick, klickte die rechte Maustaste, ging auf den Menüpunkt „umbenennen“ und ersetzte Stick durch Schön.
Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.