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Kolumne Schneechaos

Wentz war mittlerweile beruflich öfter in Moskau. Diesmal, im Dezember, hatte er sich mit mit lammfellgefütterten Schuhen, Wintermantel, Schal, Mütze und Handschuhen gerüstet. Doch das eigentliche Schneechaos begegnete im schließlich ganz woanders.

© Cyprian Koscielniak

Seit sich ein russischer Gasproduzent als Mehrheitsgesellschafter bei seinem Arbeitgeber eingekauft hatte, war Wentz öfter beruflich in Moskau. Bei seinem ersten Besuch im August hatte er nicht widerstehen können, für alle Fälle einen Wollpullover einzupacken, der allerdings unbenutzt blieb, weil die Temperatur in der gesamten Woche auch nachts nicht unter vierzig Grad Celsius fiel. Diesmal aber, Anfang Dezember, hatten Wentz und seine Kollegen mit lammfellgefütterten Schuhen, Wintermantel, Schal, Mütze und Handschuhen genau richtiggelegen, denn zwei Tage nach ihrer Ankunft war es so weit: In Moskau fiel Schnee.

Ihr russischer Begleiter meldete sich telefonisch und teilte mit, man müsse eine halbe Stunde früher zum Tagungsort, das Taxi stehe schon bereit. Wentz ergatterte einen Fensterplatz. Die Fahrt zum Firmensitz dauerte etwas länger als am Vortag, aber alle trafen pünktlich ein. Die Gespräche drehten sich von Beginn an ums Geschäftliche. Wann immer Wentz auf den Schnee zu sprechen kam, begegnete man ihm mit einem nachsichtigen Lächeln. Den Weg zurück zum Hotel unternahm Wentzens Gruppe zu Fuß und mit der Metro. Auf dem Weg zur Station beobachtete er, wie die Moskauer mit dem veränderten Wetter umgingen. Sein Eindruck war: gelassen. Sie passten sich ihm an, aber es schien sie auch nicht weiter zu beschäftigen.

Der Rückflug nach Deutschland am nächsten Morgen startete pünktlich. Erst die Landung zu Hause verzögerte sich, witterungsbedingt, wie es hieß. Nachdem Wentz und seine Kollegen endlich wieder sicheren Boden unter den Füßen hatten, warteten sie auf die Schienenersatzverkehrsbusse, die notfallmäßig den Passagierverkehr in die Innenstadt aufrechterhielten. Während des Wartens verfolgten sie die aufgeregte Live-Berichterstattung auf den Bildschirmen. Fünfzehn Zentimeter Neuschnee waren gefallen. Über den Schneechaos-Liveticker auf seinem Smartphone erfuhr Wentz, dass im gesamten Stadtbereich Fahrzeuge nicht angesprungen und schon mehrere Passanten ausgerutscht waren. Als er um Viertel vor zehn im Büro ankam, war noch niemand da. Die letzten Mitarbeiter trudelten gegen Mittag ein, alle mit abenteuerlichen Geschichten, wie sie es doch noch geschafft hatten.

Wentz erzählte ihnen, in Moskau rechneten die Menschen mit Schnee im Dezember. Sie erwarteten ihn geradezu, weil sie in einer Klimazone lebten, in der jeden Winter Schnee fiel. Seine Mitarbeiter sagten es nicht, aber sie fanden, er ließ den Kosmopoliten in letzter Zeit allzu sehr raushängen. Ungläubig den Kopf schüttelnd, fuhren sie ihre Rechner hoch.

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Quelle: F.A.Z.

 
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