Home
http://www.faz.net/-gyn-yuyb
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kolumne Rundmails an alle

 ·  Blieml versendete morgens meist E-Mails mit seinen Ansichten zu Themen, die ihm wichtig erschienen. Manchmal antwortete sogar jemand, allerdings eher mit Emoticons als mit Worten. Die meisten fanden es wohl nicht so wichtig.

Kolumne Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Als der aktive Vorruhestand im Unternehmen eingeführt wurde, war Blieml einer der Ersten, denen man ihn anbot. Er verhandelte nicht lange, sondern nahm das Angebot an, auch wenn ihn Freizeit nicht sonderlich interessierte. Er fühlte sich wohl im Büro und blieb gerne länger, wobei eigentlich niemand so recht hätte sagen können, warum.

Zweimal hatte es während Bliemls langer Betriebszugehörigkeit Personalreformen gegeben, denen weit fähigere Mitarbeiter als er zum Opfer gefallen waren. Auf beinahe rätselhafte Weise wurde er beide Male übersehen. Vielleicht lag es daran, dass er nie besonders auf sich aufmerksam machte. Nicht, dass er etwa inaktiv gewesen wäre. Er war ein echter Frühaufsteher, und morgens, nach der Zeitungslektüre, versendete er meist E-Mails mit seinen Ansichten, Einschätzungen und Kommentaren zu Themen, die ihm wichtig erschienen.

Manchmal antwortete sogar jemand auf diese Nachrichten, allerdings eher mit Emoticons als mit Worten. Die meisten fanden es wohl nicht so wichtig. Dabei hatte Blieml durchaus differenzierte Ansichten zur Innen- und Außenpolitik, zum Wirtschaftswachstum, zu Transport und Verkehr, zum Fußball, zum Gesundheitswesen, zur Steuerpolitik, zu Krieg und Frieden, Klugheit und Dummheit und zu vielen, vielen anderen Dingen.

Morgen für Morgen teilte er mit, was er dachte, und es waren immer wohlbedachte, mittlere Ansichten, die Ausgewogenheit, Lebenserfahrung und einen sicheren Standpunkt verrieten. Seinen langatmigen und eher wirren Humor mochten einige anfangs noch irritierend finden, doch alles in allem waren seine Statements zu belanglos, um sich die Mühe zu machen, überhaupt irgendeine Meinung dazu zu haben.

Als Blieml die Altersgrenze erreichte und aus dem Unternehmen ausschied, geschah ein Malheur, das sicher bedauert worden wäre, hätte es jemand mitbekommen. Blieml lud mit einer seiner berühmten Rundmails zu einem kleinen Sektumtrunk in sein Büro ein. Als an dem betreffenden Tag nach der Arbeit niemand bei ihm erschien, dachte er nicht etwa daran, sich umzubringen. Er versuchte, mit einem albanischen Ehepaar, das bei der Reinigungsfirma arbeitete, anzustoßen, das jedoch ablehnte, aus Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren. Blieml nahm es bewundernswert leicht und vermutete, es habe eine Datumsverwechslung gegeben. Dass seine E-Mails schon längst niemand mehr öffnete, kam ihm, gottlob, nicht in den Sinn.

Bliemls Stelle wurde nachdem er die Firma verlassen hatte, nicht wieder besetzt. Es dauerte im Gegenteil eine ganze Weile, bis sein Fehlen überhaupt bemerkt wurde.

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen