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Kolumne Professionals unter sich

29.07.2011 ·  Die vier Männer, die das Lokal betraten, quälte die grausame Angst, ein Versager zu sein. Einer von ihnen, Schlumm, war zum ersten Mal dabei und beeilte sich, die Spielregeln zu begreifen.

Von Georg M. Oswald
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Der älteste der vier Männer, der das Lokal vorgeschlagen hatte, ging zu einem der Ober und fragte nach einem Tisch, wobei er ihn mit einem überschwänglichen „Hallo“ ansprach, so als kenne er ihn. Der Ober erkannte ihn nicht, das war für einen Moment deutlich zu sehen, doch schon im nächsten schauspielerte er professionell und führte sie zu einem Tisch. Alle Gäste wollten so behandelt werden, als würde man sie kennen, also wurden sie so behandelt.

Die vier Männer wussten das, denn sie waren ausgebuffte Professionals. Zumindest hielten sie sich dafür. Genauer, sie hielten die jeweils anderen dafür und hofften, genauso ausgebuffte Professionals zu sein wie sie. Noch genauer, jeder von ihnen war sich nicht ganz sicher, ob die anderen wirklich ausgebuffte Professionals waren, und wollten deshalb besser sein als die anderen. Noch genauer, jeden von ihnen quälte die grausame Angst, ein Versager zu sein. Einer von ihnen, Schlumm, war zum ersten Mal dabei und beeilte sich, die Spielregeln zu begreifen.

Der Älteste von ihnen hatte nun ganz schön vorgelegt - Lokal ausgesucht, Tisch bekommen, „erkannt“ worden - die Jüngeren mussten nachziehen. Beim Bestellen von Essen und Wein flog in lässigen Nebensätzen kreuz und quer über den Tisch, was man zuletzt mit wem wo wie genossen hätte. Wichtig war dabei, lernte Schlumm, sich auch dann nicht beeindruckt zu zeigen, wenn man gar nicht wusste, wovon der andere redete, und stattdessen eins draufzusetzen. In einem Nebensatz natürlich. Er selbst hatte allerdings wenig beizutragen.

Als man sich herzlich lachend gerade einig geworden war, dass das Wochenende bei ihrer beruflichen Belastung allenfalls aus dem Sonntagnachmittag bestehe, ging es, originell genug, schließlich um die Frage, wer sich am letzten Sonntagnachmittag am meisten entspannt hatte. In einem Augenblick seltsam naiver Unbesonnenheit gestand Schlumm, er habe auf dem Sofa gelegen. Er liege gerne am Sonntagnachmittag auf dem Sofa. Nach diesem Bekenntnis war es sofort so, als sei etwas zu Bruch gegangen.

Schlumm sah in die bestürzten Gesichter seiner Kollegen, aber verstand nicht. „Aber danach bist du sicher gleich Kite-Surfen gegangen, oder?“ Schlumm verneinte. „Oder mit deinen Kindern zum Golfen?“ Schlumm schüttelte den Kopf. Er hatte keine Kinder und golfte auch nicht. „Meditation! Das war sicher Zen-Meditation, stimmt's?“, versuchte der Älteste die Situation zu retten. Schlumm musste wiederum verneinen. „Ich liege einfach nur so da“, sagte er. Die anderen drei waren sich hinterher einig, dass man Schlumm den Versager auf den ersten Blick gar nicht ansah.

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Quelle: F.A.Z.
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