03.01.2012 · „Es muss auch über Personalreduzierung nachgedacht werden, um die Kostenstruktur zu korrigieren“ - was sein Satz konkret bedeuten sollte, wollte auch Gell sich lieber nicht ausmalen.
Von Georg M. OswaldGell saß an seinem Schreibtisch und formulierte angestrengt in das digitale Diktiergerät, das er sich vor den Mund hielt, während er den Blick aus dem Fenster seines Büros über das Firmengelände schweifen ließ. Er suchte nach nichts oder niemand Bestimmtem, nahm stattdessen das Gesamtbild in sich auf. Männer und Frauen im besten Alter, die über arbeitnehmerfreundlich gestaltete Innenhöfe von Termin zu Termin eilten. Die weitaus meisten von ihnen bemühten sich wirklich, ihren Job gut zu machen, und doch hatte Gell höheren Orts den Auftrag erhalten, sich über die Kostenstruktur Gedanken zu machen. Er wusste, was das bedeutete.
Noch war er in der Aufwärmphase, formulierte eher allgemein, doch er spürte bereits, dass alles darauf hinauslief, den einen, entscheiden-den Satz auszusprechen, der sich schließlich auch Bahn brach. Gell sagte: „Es muss auch über Personalreduzierung nachgedacht werden, um die Kostenstruktur zu korrigieren.“ Danach fühlte er sich irgendwie erleichtert. Komisch eigentlich, denn er gehörte doch selbst zum abhängig beschäftigten Personal. Höherrangig zwar, aber immer noch abhängig. Gell war nicht taub für den Frevel, der darin lag. Durfte er so einen Satz formulieren und zu Papier bringen, ohne dass er sich am Ende gegen ihn wendete? Immerhin offenbarte sich gerade in den oberen Sphären die Entbehrlichkeit zuweilen verblüffend sichtbar. „Jeder ist ersetzbar, da wollen wir uns nichts vormachen.“ Von Zeit zu Zeit schmetterte er gerne diesen markigen Spruch. Eine noch markigere Wahrheit war die: Es musste gar nicht jeder ersetzt werden.
Er schloss das Diktat ab und sandte die Datei an Frau Klett, seine Sekretärin, die seine Sachen schrieb. Durch ihre Hände würde der Satz aufs Papier gelangen. Frau Klett schrieb viel und schnell, manchmal wie in Trance, sie würde ihn vielleicht gar nicht bemerken. Was er konkret bedeuten sollte, wollte auch er sich lieber nicht ausmalen. Soweit er wusste, dachte derzeit niemand daran, Personal zu entlassen, und er hoffte, dass es so blieb. Er fand nur, es wirkte entschlossen, unbequem, unerschrocken, den Satz auszusprechen. Die, die wagten, es zu tun, unterschieden sich grundsätzlich von jenen, die davor zurückschreckten, um stattdessen nach „humaneren Lösungen“ zu suchen. Wer ihn aussprach, bekannte sich zu seinem Anspruch auf Führungsverantwortung, das war der Unterschied.
Bei der Korrektur las Gell nochmals den entscheidenden Satz und war zufrieden. Dann gab er seine Gedanken zur Kostenstruktur in die Hauspost. Er war zuversichtlich, sie würden höheren Orts zu den richtigen Schlüssen führen.
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