12.03.2010 · Kerr, Kraus und Klotz gehörten zu den führenden Köpfen in den Entwicklungsabteilungen dreier konkurrierender Unternehmen. Als klar war, dass Kerr den diesjährigen Innovationspreis der Branche erhalten würde, glaubte Kraus an Interessenverquickungen und Klotz an Schmiergeldzahlungen.
Von Georg M. OswaldKerr, Kraus und Klotz gehörten zu den führenden Köpfen in den Entwicklungsabteilungen dreier konkurrierender Unternehmen.
Als der Fachpresse zu entnehmen war, Kerr würde den diesjährigen Innovationspreis der Branche erhalten, glaubte Kraus an persönliche Interessenverquickungen und Klotz an Schmiergeldzahlungen von Kerrs Arbeitgeber an die Jury. Beide äußerten dies aber selbstverständlich jeweils nur im vertrautesten Kollegenkreis. Bei der Preisverleihung, zu der Kerr sie mit Genuss persönlich eingeladen hatte, gratulierten sie ihm überschwenglich.
Nicht zufällig wurden Kraus und Klotz bei der Preisgala am selben Tisch plaziert, zusammen mit dem jungen Kilch, einem Branchenneuling. Präsidenten bedeutender Verbände hielten Laudationes in aufsteigender Reihenfolge, bis hin zu einem hochrangigen Vertreter des Wirtschaftsministers, der leider verhindert war.
Beim Dinner nach der Preisverleihung durfte sich endlich auch das Publikum unterhalten, das so lange geschwiegen hatte. Während Kraus sich bemüht gelassen darauf zurückzog, dass der Preis schließlich jedes Jahr einen Träger finden müsse und es in diesem Jahr eben Kerr getroffen habe, sprudelte es aus Klotz geradeso heraus. Kraus und Kilch hörten nun Klotz' Stegreifvortrag über sich selbst, den er mit einer kleinen Einführung über seinen Aufgabenbereich im Unternehmen begann, der in den vergangenen Jahren stetig gewachsen sei. Er beschrieb, wie er es geschafft habe, seine Mitarbeiter durch geschicktes Coaching zu dem zu machen, was sie heute waren, wie es ihm jeden Tag gelänge, das Beste aus ihnen herauszuholen, und dass es deshalb ganz und gar kein Wunder wäre, dass er und sein Arbeitgeber heute dort stünden, wo sie stünden, ganz unabhängig davon, wie die Jury des Innovationspreises darüber dächte, was selbstverständlich nicht heiße, dass Kerr den Preis nicht verdient hätte, ebenso wenig jedoch, dass er, Klotz, den Preis nicht verdient hätte, nur weil Kerr ihn in diesem Jahr bekommen hätte. An dieser Stelle nun erlaubte sich Kilch ein Urteil: Vielleicht habe Kerr ja den Preis tatsächlich für die beste Innovation des Jahres bekommen. Daraufhin verläpperte das Gespräch ziemlich rasch, und die Herren gingen früh zurück ins Hotel. Klotz dachte über sich: Preis hin oder her - ich bin doch der Beste. Kraus dachte über Klotz: Was für ein Angeber. Kilch dachte über Kraus und Klotz: Es ist nicht einfach, mit Anstand zu verlieren. Und Kraus und Klotz dachten über Kilch: Was soll aus einem werden, der so naiv ist zu glauben, der Beste kriege einen Preis?