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Veröffentlicht: 02.12.2012, 12:00 Uhr

Kolumne Lückenlose Dokumentation

Frau Ratz verstand sich wie niemand anderer auf die Rekonstruktion von Abläufen, die immer zu dem einen Ergebnis führte: Bei ihr war alles in Ordnung, und sie war nicht schuld.

von Georg M. Oswald
© Cyprian Koscielniak

Frau Ratz verachtete Frauen, die sich zu sehr auf ihre Soft Skills verließen. Manche glaubten, lange Beine und Haare würden den Job für sie erledigen, und gerade, dass diese Meinung nicht ganz abwegig war, machte Frau Ratz wütend. Sie selbst war eher klein und quadratisch. Schöne Menschen, insbesondere Frauen, durften sich über vieles ein Urteil erlauben, und es wurde gehört, so oberflächlich es sein mochte. Niemand wollte dann durch Einwände oder Fragen nach Einzelheiten kleinlich erscheinen.

Frau Ratz hielt sich demgegenüber lieber an die Fakten. Sie hatte gelernt: Nicht nur in der Offensive, auch in der Defensive hatten es Mitarbeiter ohne besondere Reize schwerer als andere. Es gab genug Menschen, die diesen Aspekt des Berufslebens, ja des Lebens überhaupt, ein für alle Mal für sich abgeschlossen hatten. Zumeist, nachdem sie festgestellt hatten, dass ihnen, wie in so vieler anderer Hinsicht, nichts anderes übrigblieb, als in der großen Masse mitzuschwimmen.

Das änderte, wie Frau Ratz jedoch sehr wohl wusste, nichts an der Existenz dieses Sachverhalts. Aber jeder von uns, dachte sie, trägt doch eine ganz besondere Fertigkeit in sich, eine Fähigkeit, die nur er oder sie besitzt, die ihn oder sie ganz besonders sein lässt. Oft gab es gar keinen bestimmten Namen für sie, äußerte sie sich nicht als sogleich erkennbares Talent. Wie zum Beispiel hätte man Frau Ratz’ Meisterschaft nennen sollen? Konnte man sie vielleicht als Nahkampfexpertin bezeichnen? Das hätte nur einen Teil ihres Wesens umrissen.

Jedenfalls verstand sie sich wie niemand anderer auf die Rekonstruktion von Abläufen, die immer zu dem einen Ergebnis führte: Bei ihr war alles in Ordnung, und sie war nicht schuld. Tagein, tagaus kursierten Informationen, wurden Abläufe besprochen, geplant und durchgeführt, und genau hier passierten auch die meisten Fehler. Gerade die erfolgversprechendsten Exemplare unter den Mitarbeitern, gleich, ob männlich oder weiblich, schätzten diesen Teil der Arbeit gering.

Nicht so Frau Ratz. Sie konnte lückenlos beweisen, dass sie „sofort weitergeleitet“, „postwendend beantwortet“, „an alle geforwarded“ hatte und es dann „leider bei diesem oder jener liegengeblieben war“. Zumeist bei einem jener eitlen Wesen, die glaubten, sich um vermeintlich unwesentliche Details nicht kümmern zu müssen. „Stellen Sie sich vor, ich wäre morgen tot. Dann wäre doch wenigstens meine Korrespondenz in Ordnung“, sagte sie zu solchen Gelegenheiten und genoss das Entsetzen, das sie mit Aussagen wie diesen auf die schönsten Gesichter zaubern konnte.

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Der Autorist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Quelle: F.A.Z.

 

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