http://www.faz.net/-gym-74jad
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 02.12.2012, 12:00 Uhr

Kolumne Lückenlose Dokumentation

Frau Ratz verstand sich wie niemand anderer auf die Rekonstruktion von Abläufen, die immer zu dem einen Ergebnis führte: Bei ihr war alles in Ordnung, und sie war nicht schuld.

von Georg M. Oswald
© Cyprian Koscielniak

Frau Ratz verachtete Frauen, die sich zu sehr auf ihre Soft Skills verließen. Manche glaubten, lange Beine und Haare würden den Job für sie erledigen, und gerade, dass diese Meinung nicht ganz abwegig war, machte Frau Ratz wütend. Sie selbst war eher klein und quadratisch. Schöne Menschen, insbesondere Frauen, durften sich über vieles ein Urteil erlauben, und es wurde gehört, so oberflächlich es sein mochte. Niemand wollte dann durch Einwände oder Fragen nach Einzelheiten kleinlich erscheinen.

Frau Ratz hielt sich demgegenüber lieber an die Fakten. Sie hatte gelernt: Nicht nur in der Offensive, auch in der Defensive hatten es Mitarbeiter ohne besondere Reize schwerer als andere. Es gab genug Menschen, die diesen Aspekt des Berufslebens, ja des Lebens überhaupt, ein für alle Mal für sich abgeschlossen hatten. Zumeist, nachdem sie festgestellt hatten, dass ihnen, wie in so vieler anderer Hinsicht, nichts anderes übrigblieb, als in der großen Masse mitzuschwimmen.

Das änderte, wie Frau Ratz jedoch sehr wohl wusste, nichts an der Existenz dieses Sachverhalts. Aber jeder von uns, dachte sie, trägt doch eine ganz besondere Fertigkeit in sich, eine Fähigkeit, die nur er oder sie besitzt, die ihn oder sie ganz besonders sein lässt. Oft gab es gar keinen bestimmten Namen für sie, äußerte sie sich nicht als sogleich erkennbares Talent. Wie zum Beispiel hätte man Frau Ratz’ Meisterschaft nennen sollen? Konnte man sie vielleicht als Nahkampfexpertin bezeichnen? Das hätte nur einen Teil ihres Wesens umrissen.

Jedenfalls verstand sie sich wie niemand anderer auf die Rekonstruktion von Abläufen, die immer zu dem einen Ergebnis führte: Bei ihr war alles in Ordnung, und sie war nicht schuld. Tagein, tagaus kursierten Informationen, wurden Abläufe besprochen, geplant und durchgeführt, und genau hier passierten auch die meisten Fehler. Gerade die erfolgversprechendsten Exemplare unter den Mitarbeitern, gleich, ob männlich oder weiblich, schätzten diesen Teil der Arbeit gering.

Nicht so Frau Ratz. Sie konnte lückenlos beweisen, dass sie „sofort weitergeleitet“, „postwendend beantwortet“, „an alle geforwarded“ hatte und es dann „leider bei diesem oder jener liegengeblieben war“. Zumeist bei einem jener eitlen Wesen, die glaubten, sich um vermeintlich unwesentliche Details nicht kümmern zu müssen. „Stellen Sie sich vor, ich wäre morgen tot. Dann wäre doch wenigstens meine Korrespondenz in Ordnung“, sagte sie zu solchen Gelegenheiten und genoss das Entsetzen, das sie mit Aussagen wie diesen auf die schönsten Gesichter zaubern konnte.

Mehr zum Thema

Der Autorist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Staatsverbrechen Ende des Anti-Nürnberg-Diskurses

Die Abkoppelung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit vom Kriegsgeschehen bedeutete nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges eine Revolutionierung des überkommenen Kriegsvölkerrechts, die sich nur auf dem Wege einer kreativen Neuinterpretation bekannter Rechtsfiguren etablieren ließ. Mehr Von Christian Hillgruber

18.07.2016, 10:14 Uhr | Politik
Madagaskar Slam Poetry gibt Frauen eine Stimme

Mit ihren kritischen Texten über die Globalisierung oder Gewalt an Frauen ist die madagassische Slam-Poetry-Sängerin Caylah zum Internet-Hit geworden. Sie nutzt ihre neue Berühmtheit, um mit ihrer Kunst anderen Frauen zu helfen. Mehr

15.07.2016, 10:29 Uhr | Feuilleton
Hand aufs Herz Warum manche Muslime den Handschlag verweigern

Ist es in Ordnung, wenn ein Mann einer Frau aus religiösen Gründen nicht die Hand gibt? Und was sagt der Islam überhaupt zum Thema Händeschütteln? Stimmen von Muslimen. Mehr Von Leonie Feuerbach

21.07.2016, 15:45 Uhr | Gesellschaft
Erster Weltkrieg Der Blutsommer an der Somme

Vor 100 Jahren begann die Schlacht an der Somme. Als sie endete, hatte sich am Frontverlauf fast nichts geändert, aber die Verluste betrugen 1,3 Millionen Mann. Wie konnte es soweit kommen? Mehr Von Markus Günther

30.06.2016, 18:57 Uhr | Politik
Urteil in Potsdam Kindermörder Silvio S. zu Höchststrafe verurteilt

Der wegen Mordes an Elias und Mohamed angeklagte Silvio S. ist zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Das Gericht stellte zudem die besondere Schwere der Schuld fest. Doch es bleiben viele Fragen offen. Mehr Von Julia Schaaf, Potsdam

26.07.2016, 10:24 Uhr | Gesellschaft