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Kolumne Kurze Zündschnur

Wem Klipp etwas zu sagen hatte, den stellte er bei offenen Türen mitten im Flur und putzte ihn zusammen. Hinterher waren sich immer alle einig: Klipp hatte eben eine sehr, sehr kurze Zündschnur.

© Cyprian Koscielniak

Klipp stand in dem Ruf, eine kurze Zündschnur zu haben. Was anderen zu anderen Gelegenheiten als Unbeherrschtheit, schlechte Umgangsformen, Ungehobeltheit vorgeworfen worden wäre, hatte sich bei Klipp zum Markenzeichen entwickelt. Ursprünglich war es vielleicht wirklich nichts weiter gewesen als übertriebene Direktheit in Verbindung mit einem allerdings sehr ausgeprägten Egoismus. Erst als Klipp begriff, dass man vor ihm erschrak, dass er einschüchternd wirkte oder doch zumindest entwaffnend, sorgte er dafür, dass er seinem Image auf alle Fälle gerecht wurde. In Konferenzen fiel er dem Vortragenden ins Wort, nur um ihn bloßzustellen. Wenn er zu mehreren Mitarbeitern sprach, dann immer in der zweiten Person Plural. Das war ganz und gar nicht freundschaftlich gemeint. Die Gemeinten fühlten sich deshalb hinterher demütig miteinander verbunden.

Klipp habe eben eine ganz besonders kurze Zündschnur, das sei seine große Schwäche, aber, wie jedermann wisse, auch seine ganz große Qualität. Bei jedem anderen hätte man sich beschwert, aber Klipp ließ man es durchgehen. Es war nicht Bewunderung allein, die dafür sorgte. Man wich Klipp lieber aus, als ihm zu begegnen, denn wem Klipp etwas zu sagen hatte, den stellte er bei offenen Türen mitten im Flur und putzte ihn vor nicht versammelter, aber geduckt an ihren Plätzen lauschender Mannschaft zusammen. Jeder war froh, nicht da draußen dieses Wortgewitter über sich ergehen lassen zu müssen. Hinterher waren sie sich einig: Man wusste doch, dass man aufpassen musste. Klipp hatte eben eine sehr, sehr kurze Zündschnur.

Eines Tages jedoch blieb Klipps Büro plötzlich leer. Eine beträchtliche Weile traute sich niemand hinein, doch schließlich fassten sich die Mutigsten ein Herz: In Klipps Zimmer sah es aus wie nach einer schweren Explosion. Aufgerissene Schubladen, aus den Schränken gerissene Aktenordner, auf dem Boden liegende Blätter. Von Klipp selbst aber keine Spur. Wilde Gerüchte begannen zu kursieren. Von Unregelmäßigkeiten, Flucht, ja von Straftaten war schon die Rede. Die Wahrheit war weit weniger dramatisch. In einer knappen Mitteilung der Unternehmensleitung hieß es, man habe sich von Herrn Klipp getrennt. Einvernehmlich natürlich.

“Wo ist denn Herr Klipp?“, fragte ein Mitarbeiter aus einem anderem Teil der Hauses, als er in dessen verwaistes Zimmer kam. Einer von Klipps früheren Mitarbeitern, der gerade Blätter vom Boden aufsammelte, zuckte die Achseln und sagte: „Er muss auf jemanden mit einer noch kürzeren Zündschnur getroffen sein.“

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Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Quelle: F.A.Z.

 
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