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Veröffentlicht: 21.09.2012, 15:00 Uhr

Kolumne Kretische Spuren

Der Ingenieur Groth ging vollkommen in seinen Reisen auf. Er genoss in seiner Abteilung das Privileg, im Sommer vier Wochen Urlaub am Stück nehmen zu dürfen. In diesem Jahr hatte es ihn nach Kreta verschlagen.

von Georg M. Oswald
© Cyprian Koscielniak

Groth, ein Ingenieur, genoss in seiner Abteilung das Privileg, im Sommer vier Wochen Urlaub am Stück nehmen zu dürfen - und das, obwohl er keine Kinder hatte. Weil es sich aber einrichten ließ, hatte niemand etwas dagegen einzuwenden, zumal Groths Reisen einen gewissen Ruf genossen und auch Groth einen gewissen Ruf wegen seiner Reisen. Nahmen die meisten seiner Kollegen damit vorlieb, Jahr für Jahr zu ihnen wohlbekannten Stränden zurückzukehren, suchte Groth stets das Neue, Unbekannte. Das allein hätte allerdings noch nicht die Besonderheit von Groths Reisen erklärt. Sie offenbarte sich, wenn man die Fotopinnwand in seinem Büro betrachtete, die er dort, gut sichtbar für alle, aufgestellt hatte.

An sich war Groth ein unauffälliger Mann. Er war schlank, gut gebräunt, sportlich und trug schmal geschnittene graue Anzüge ohne Krawatte so wie der weitaus größte Teil seiner männlichen Kollegen. Auf den Fotos jedoch war ein ganz anderer Groth zu sehen. Viele andere Groths eigentlich. Groth in tansanischer Tracht am Fuße des Kilimandscharo, Groth im Kreise sibirischer Fischer am Baikalsee, mit einem spitzen Strohhut an Bord einer Dschunke in indonesischen Gewässern. Auf dem ersten Foto erschien Groths Haut auffallend dunkel, beinahe schwarz, auf dem zweiten sah er breiter und kräftiger aus als sonst und trug einen eisgrauen Backenbart, auf dem dritten waren es hingegen nur einige Bartfäden, die ihm unterhalb der nun eingefallen wirkenden Wangen vom Kinn hingen. Vollkommen ging er in diesen Reisen auf, auch in diesem Sommer, in dem er zwar keinen anderen Kontinent bereist, aber doch wieder die Extreme gesucht hat: in der sengenden Hitze Kretas, nicht an der Küste, sondern in den Bergen des Landesinneren unter einheimischen Olivenbauern, die ihn bald schon für einen der Ihren hielten.

Groths enorme Anpassungsfähigkeit hat allerdings auch eine Schattenseite. Jedes Mal, wenn er von einer seiner Reisen zurückkam, hegte er schlimme Befürchtungen, was seinen Arbeitsplatz betraf: Würde er sich dort überhaupt noch zurechtfinden? War der Euro zusammengebrochen, und er hatte es gar nicht bemerkt? War er in seiner Abwesenheit Opfer einer Intrige geworden und fand die Kündigung auf seinem Tisch? Wusste er seine Passwörter noch? Es dauerte einige Tage, bis die letzten kretischen Spuren an seinem Äußeren getilgt waren. Jeder Tag, der ohne besondere Vorkommnisse verging, ließ ihn zuversichtlicher werden.

Bald schon war er glücklich, in einem schmal geschnittenen grauen Anzug neben anderen grauen Anzügen wieder die üblichen gemeinsamen Wege zu gehen.

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Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Quelle: F.A.Z.

 

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