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Kolumne Krawattentag

Wetz hatte Krawattentag - und trug den Binder schon während des Frühstücks. „Ob du es glaubst, oder nicht, sie gibt mir inneren Halt“, sagte er zu seiner Frau.

© Cyprian Koscielniak

Wetz zurrte entschlossen seine Krawatte fest, dann setzte er sich zu Frau und Sohn Alwin an den Frühstückstisch. „Heute Krawattentag?“, fragte Alwin. Wetz ignorierte bewusst die Spur von Belustigung, die in der Frage lag. „Ja. Schwere Verhandlungen heute“, antwortete er ernst. Allgemein hatte sich der Krawattenzwang zwar gelockert in den letzten Jahren, aber wenn es amtlich wurde, ging es immer noch nicht ohne. Zumindest nicht bei Wetz. „Du solltest sie nicht vor dem Frühstück anziehen, sondern erst danach“, sagte seine Frau. „Ich brauche sie jetzt schon“, erwiderte er. „Ob du es glaubst, oder nicht, sie gibt mir inneren Halt.“

Nun war es Wetz, der fand, seine Bemerkung entbehre nicht einer gewissen Komik und sah zu seinem Sohn hin, doch der kaute gedankenverloren an seinem Frühstücksbrot. In seiner Frau fand Wetz eine geduldigere Zuhörerin. Er kam ins Reden. „Du kennst ja die Kosiek-Sache. Ist einfach nicht vom Tisch zu kriegen. ,Kocht wieder hoch’, wie Klott sagt. Du weißt schon, derselbe Klott, der noch vor einem halben Jahr behauptet hat, die Sache sei erledigt. Heute also wieder Expertenkommission. Lauter Idioten, wenn du mich fragst. Das wird wieder Stunden dauern. Nutzloses Gerede. Und die Arbeit auf dem Schreibtisch bleibt liegen. Meine E-Mails darf ich gar nicht anschauen, da bekomm ich einen Spontan-Burnout. Apropos, Kelch hat sich krankschreiben lassen. ,Bis auf weiteres’, hieß es. Keiner weiß, was er hat. Heißt natürlich: Seine Sachen bekomme ich jetzt auch noch auf den Tisch. Ich weiß überhaupt nicht, wie ich das noch hinkriegen soll. Und jetzt auch noch die Kosiek-Sache! Kocht wieder hoch! Die Kommission wird sich eine neue Agenda zurechtzimmern, und wen machen sie für die Umsetzung verantwortlich? Mich! Manchmal frage ich mich, warum ich mir das eigentlich überhaupt alles antue, aber es ist eben so, man muss sich durchbeißen, dranbleiben, nachhaltig sein, niemals aufgeben.“ Wetz unterbrach sich selbst.

Alwin blickte immer noch verträumt kauend ins Leere. Weiß der Himmel, woran er gerade dachte. Dabei sprach Wetz über Themen, die einen Jungen in seinem Alter durchaus interessieren sollten. „Was hast du eigentlich für Zukunftspläne - berufsmäßig, meine ich“, fuhr Wetz seinen Sohn unvermittelt an. Der schien keineswegs so abwesend wie vermutet. „Ich will mal was Chilliges machen mit ein paar guten Leuten, die ich echt mag. Ohne Stress und so“, antwortete er. Wetz verdrehte die Augen. „Nur zu“, sagte er mit mühsam beherrschter Stimme, „wenn du dir dein Leben unbedingt verderben willst!“

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Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 01.06.2012, 15:30 Uhr