Home
http://www.faz.net/-gyn-6uuhw
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kolumne Jenseits der Zielerreichung

03.11.2011 ·  Fring wollte an diesem Geselligkeitsabend nicht länger über die Zielerreichung nachdenken. Man musste ja nicht die ganze Zeit durch die Firma laufen, als habe man einen Stock verschluckt.

Von Georg M. Oswald
Kolumne Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Fring hatte die Probezeit ohne Probleme überstanden. Polk, sein Chef, war sehr einverstanden mit ihm, wenngleich er fand, Fring übertrieb ein bisschen seine Korrektheit. Auch beim heutigen Geselligkeitsabend stand er mit festgezurrter Krawatte da, jederzeit bereit zu einer angedeuteten Verbeugung. Polk fand, er solle sich ein bisschen mehr zu Hause fühlen. „Was wünschen Sie sich für die nähere Zukunft? Ich meine so allgemein hier im Unternehmen?“, fragte er ihn. „Abgesehen von der Zielerreichung?“, lautete Frings beflissene Gegenfrage. Polk runzelte die Stirn: „Natürlich. Abgesehen von der Zielerreichung.“ „Nun, ich würde zu gerne einmal Herrn Kong persönlich begegnen.“

Kong war der Vorstandsvorsitzende. Fring war ihm noch nie gegenübergestanden, wie viele der anderen sechstausend Mitarbeiter des Unternehmens auch. „Das kommt sicher noch“, sagte Polk, bevor er sich verabschiedete. Fring stand eine Weile alleine in der Nähe des Buffets und lauschte der Musik, die ein eigens engagierter DJ auflegte. Eine Kollegin aus seiner Abteilung sprach ihn an, ob er sich zu ihr an den Tisch setzen wolle. Fring begann ein Gespräch mit ihr über die Zielerreichung, doch die Kollegin schien nicht allzu interessiert. Sie nahm ihn an der Hand und führte ihn auf die Tanzfläche.

Als sie an ihren Platz zurückkehrten, kamen weitere Kollegen hinzu. Sie brachten eine Flasche Wein an den Tisch mit. Fring trank, lauschte der Musik und wippte nun mit dem Fuß dazu. Er wollte noch einmal etwas über die Zielerreichung sagen, aber seine Kollegin zog ihn sogleich ein zweites Mal auf die Tanzfläche, und als er zurückkam, wurde ihm wieder kräftig nachgeschenkt. Fring lockerte seine Krawatte, knöpfte das Hemd auf, trommelte mit den Zeigefingern auf der Tischplatte und trank ein weiteres sogenanntes Gläschen. Das war wirklich ein ausgezeichneter Tropfen und diese Kollegin wirklich ausgesprochen nett. Zigarette? Warum nicht. Fring kam mehr und mehr in Schwung.

Er fand nun, es gab nicht den geringsten Grund, an diesem Abend länger über die Zielerreichung nachzudenken. Man musste ja nicht die ganze Zeit durch die Firma laufen, als habe man einen Stock verschluckt. Wenig später stand er rückwärts gebeugt im Kreis seiner Kollegen mit aufgeknöpftem Hemd, trug die Krawatte als Stirnband und spielte mit zugekniffenen Augen ein ausgedehntes Luftgitarrensolo, als Polk hereinkam und rief: „Fring, gut, dass Sie noch da sind! Stellen Sie sich vor, was sich gerade zufällig für Sie ergeben hat: Kong will Sie sehen! Jetzt gleich in seinem Büro!“

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Diskutieren Sie mit !

Es wurden noch keine Lesermeinungen zu diesem Beitrag veröffentlicht.
Möchten Sie den ersten Diskussionsbeitrag verfassen?

Weitersagen
Themen zu diesem Artikel