17.11.2011 · Hinter vorgehaltener Hand wurde über ihn gescherzt. Aber niemand traute sich wirklich, etwas gegen ihn zu sagen, obwohl ihn jeder für absolut entbehrlich hielt. Schepp war eben irre gut vernetzt.
Von Georg M. OswaldKien war skeptisch, doch seine Human-Resources-Experten belehrten ihn eines Besseren: Nicht alles an Schepp mochte sofort begeistern. Er hatte nicht die besten Noten, nicht die besten Referenzen, sein Auftreten konnte man durchaus als auftrumpfend beschreiben, und doch, so die HR-Leute, verfügte er über etwas, was für einen Communications-Experten hundertmal mehr zähle als all diese Nebensächlichkeiten: Er war irre gut vernetzt.
Kien hörte diese Formulierung in letzter Zeit immer öfter. Zuerst dachte er, damit sei nur dieser Social-Network-Blödsinn samt „buddies“ und „followers“ gemeint, aber anscheinend ging es da noch um mehr, auch wenn er partout nicht erkennen konnte, worum. Es war schon nicht klar, für welchen Aufgabenbereich Schepp genau zuständig war: Communications eben, aha. Kien beobachtete Schepp und die anderen Mitarbeiter. Sein Eindruck: Niemand mochte Schepp sonderlich.
Nicht, dass er mehr als andere unsympathisch, unfreundlich oder gar bedrohlich gewirkt hätte, ganz im Gegenteil. Hinter vorgehaltener Hand wurde sogar über ihn gescherzt, um nicht zu sagen: schlecht über ihn geredet. Die Kunst bestand jedoch anscheinend darin, gerade nur so schlecht über ihn zu reden, dass man notfalls wieder zurückrudern konnte, denn, wie jeder wusste, er war irre gut vernetzt.
Standen zum Beispiel zwei Mitarbeiter im Flur und tranken gerade einen Becher Wasser aus dem Automaten und Schepp eilte laut redend mit zwei Handys durch den Flur an ihnen vorbei, lächelte der eine spöttisch und fragte: „Und wer ist das?“ Der andere wartete, bis Schepp außer Hörweite war. „Das ist Schepp.“ „Macht ja einen ziemlichen Wind, der Gute.“ „Jaja, aber er ist irre gut vernetzt.“ Niemand traute sich wirklich, etwas gegen ihn zu sagen, obwohl ihn jeder für absolut entbehrlich hielt.
An einem Samstag traf Kien Kemp, einen befreundeten Geschäftsführer eines Konkurrenzunternehmens, in der Sauna. „Wie macht sich euer neuer Communications-Spezialist?“, fragte Kemp. Erstaunlich, dass der davon wusste, dachte Kien und witterte seine Chance. „Exzellenter Mann. Vielleicht nicht die besten Noten, nicht die besten Referenzen, aber irre gut vernetzt.“ Er konnte sehen, dass Kemps Gedanken in die richtige Richtung gingen. Ein paar Wochen später kündigte Schepp bei Kien. „Sie werden verstehen, dass ich Ihnen noch nicht verraten darf, wohin ich gehe. Aber vielleicht können wir ja Buddies bleiben.“
„Sie gehen zu Kemp“, sagte Kien. Schepp war verblüfft: „Woher wissen Sie das?“ Kien zuckte die Achseln: „Ich bin einfach irre gut vernetzt.“
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