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Kolumne In Zeiten emotionaler Belastung

24.02.2012 ·  Sind Sie erschöpft? Natürlich nicht. Höchstens ein bißchen „down“. Klingt besser und gefährdet die Karriere nicht.

Von Georg M. Oswald
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Kipp und Knapp, die in unterschiedlichen Abteilungen arbeiteten, sich aber von einem Seminar für künftige Führungskräfte kannten, trafen sich manchmal beim Mittagessen in der Kantine. Da sie wenig Privates voneinander wussten, erörterten sie gerne allgemeine Themen, die in der Luft lagen. An diesem Tag etwa die Meldung, in den letzten zehn Jahren hätten sich psychische Erkrankungen unter den Arbeitnehmern in Deutschland mehr als verdoppelt.

Kipp hatte diese Nachricht mehr beschäftigt, als er zugeben wollte. Am Vormittag hatte er sich durch unzählige Tests gegoogelt. "Leiden Sie unter emotionaler Erschöpfung? Niedergeschlagenheit? Schlafstörungen? Überforderungsgefühl? Nimmt ihre Leistungsfähigkeit ab?" Irgendwie wusste Kipp nicht richtig, wie er diese Fragen beantworten sollte. Einerseits mit ja, andererseits mit nein. Woher sollte er wissen, ob das noch normal war oder schon krank?

Klar war jedenfalls, dass er niemandem von diesen Überlegungen erzählen durfte, denn allein der Verdacht, der dann auf ihn gefallen wäre, hätte schon verheerende Auswirkungen haben können; hätten ihn womöglich innerhalb kürzester Zeit von einer kommenden Führungskraft zu einem erledigten Fall werden lassen. Am wenigsten durfte Knapp etwas bemerken. Und was hieß schon "bemerken". Schließlich war da ja gar nichts.

Beim Essen waren sich Kipp und Knapp einig: Auch sie kannten Zeiten emotionaler Belastung. Das Wort Erschöpfung fiel selbstverständlich nicht. Auch sie waren mal "down". "Niedergeschlagen" hätte so hässlich geklungen. Auch sie schliefen mal schlecht. Man musste es ja nicht gleich "Störung" nennen. Auch sie hatten alle Hände voll zu tun. Natürlich ohne sich überfordert zu fühlen.

Aber: Man müsse eben lernen, sein Zeitmanagement einzuhalten. Stressauslöser zu entdecken, konstruktives Denken zu verinnerlichen, Selbstbehauptung zu üben und in ausreichendem Maß Entspannungstechniken anzuwenden. Dann könne nichts passieren. Nach dem Nachtisch verabschiedeten sie sich voneinander und bekräftigten: Wenn alle Betroffenen offen und ehrlich mit ihren Problemen umgingen, wären sie nur noch halb so groß. Dass sie, die Betroffenen, es nicht könnten, wäre wohl Teil der Misere. Dabei biete der Betriebsarzt sogar in Aushängen an, über "all dies" zu informieren.

Als sich Kipp und Knapp noch am Nachmittag des gleichen Tages in dessen Wartezimmer begegneten, behaupteten beide, es handle sich dabei ja um einen geradezu unglaublichen Zufall, und suchten, bevor sie hätten Ausflüchte vorbringen müssen, in entgegengesetzten Richtungen das Weite.

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

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