Home
http://www.faz.net/-gyn-6zs8s
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kolumne Im Vorzimmer der Hölle

 ·  Jedermann scheint es heutzutage für klug zu halten, sich die Dinge schönzureden. Dabei läuft die Welt aus dem Ruder. Und eins ist klar: Das Büro ist das Vorzimmer der Hölle.

Kolumne Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Fecht saß an seinem Schreibtisch, in die Entschlüsselung von E-Mails vertieft, als er sein Handy klingeln hörte. Er hatte den Klingelton „Alarm“ gewählt, den ansonsten kaum jemand bevorzugte. Die meisten entschieden sich für schmeichelndere Klänge, die positivere Assoziationen hervorriefen. Fecht mochte keine positiven Assoziationen.

Nicht, wenn er in der Arbeit angerufen wurde. Und auch sonst nicht. Positive Assoziationen waren unweigerlich die Vorboten bitterer Enttäuschungen. Jedermann schien es heutzutage für klug zu halten, sich die Dinge schönzureden, während ein Blick in die Nachrichten genügte, um festzustellen, dass diese Welt aus dem Ruder lief.

Der Schriftzug auf dem Display ließ ihn erbleichen: „Anonym“. Er kniff die Augen zusammen und nahm ab. Eine Frauenstimme meldete sich. “Wer um Himmels willen sind Sie?“, fragte Fecht. “Vorzimmer Herr Kirr“, sagte die Stimme. „Wissen Sie eigentlich, dass Ihre Rufnummer unterdrückt ist?“, hakte Fecht nach. “Das ist möglich, ja.“

“So, das ist möglich? Wissen Sie, was das bei Angerufenen bewirken kann?“ Fechts Stimme klang gefährlich hoch. Seine Gesprächspartnerin erschien einen Augenblick irritiert, bevor sie fortsetzte: „Ich verbinde Sie jetzt mit Herrn Kirr.“

Ein Knacken. Kirr rief nicht selbst an, sondern ließ sein Vorzimmer anrufen. Das konnte nur bedeuten, dass er sich eigentlich verstecken wollte, hinter seiner Macht verstecken. Und das wiederum hieß, dass er ihm etwas derart Unangenehmes mitzuteilen hatte, dass es sogar jemandem, der so gefühllos war wie Kirr, nicht leicht fiel. Mit anderen Worten: Es konnte sich nur um ein Unglück allerersten Ranges handeln.

Kirr war jetzt in der Leitung. „Hallo, Herr Fecht“, sagte er, „gut, dass ich Sie erwische!“ Diese Freundlichkeit war eindeutig gekünstelt. So sprach man mit Todgeweihten. Und dann die Wortwahl: „Erwische!“ Wie die Beute am Ende einer Hetzjagd. Fecht musste sich zu einer Antwort zwingen.

“Oh, mein Gott“, sagte er schließlich, beinahe tonlos. “Geht es Ihnen gut?“, fragte Kirr. Jetzt gab er auch noch den Besorgten, dieser Heuchler! “Ich ziehe es vor, auf diese Frage nicht zu antworten“, hauchte Fecht. “Wie auch immer. Ich wollte Ihnen nur mitteilen, dass das Wochenbriefing morgen schon um elf statt um 13 Uhr stattfindet.“

Und dafür rief er ihn persönlich an? Angekündigt durch sein Vorzimmer? Auf dem Handy? „Notiert“, sagte Fecht mit Grabesstimme und legte auf. Um elf statt um 13 Uhr. Welche unaussprechliche Katastrophe mochte sich hinter dieser infamen Nachricht verbergen?

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen