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Kolumne „Ich bin nicht bei Facebook“

28.12.2011 ·  Lisa Fint antwortete unmissverständlich, als Hack sie fragte: „Darf ich Ihnen meine Freundschaftsanfrage senden?“ Mit seiner Reaktion war sie zufrieden. Die Geschichte hatte wieder funktioniert.

Von Georg M. Oswald
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„Darf ich Ihnen meine Freundschaftsanfrage senden?“, fragte Hack beim Stehempfang. „Ich bin nicht bei Facebook“, antwortete Lisa Fint. „Dann wird es aber Zeit!“, meinte Hack milde, kollegial, ermunternd. Lisa Fint senkte die Stirn und sprach mit dunkler Stimme: „In der Tat, es wird Zeit. Nicht mehr lange wird es dauern, bis jeder Mensch auf diesem Erdball einen Facebook-Account besitzt. In dem Irrglauben, durch ein paar alberne Anonymisierungs-Tools geschützt zu sein, geben Sie alles preis, was Ihre Persönlichkeit ausmacht. Vermutlich nehmen Sie an, so einfach ginge das nicht, denn Ihre Persönlichkeit, das sei etwas ganz Einzigartiges, Kompliziertes, letztlich Unergründliches. Doch glauben Sie mir, sie lässt sich sehr einfach beschreiben. Sie teilen Alter, Geschlecht, Nationalität, Sprache mit, welchen Ausbildungsweg sie gegangen sind, welche Themen Ihnen am Herzen liegen, wofür Sie sich interessieren, wofür Sie ihren Geldbeutel öffnen. Sie erzählen, wohin Sie reisen, wo und für wen Sie arbeiten, und Sie geben Auskunft über das Kostbarste, weil Unsichtbarste, was Sie besitzen, Ihre Beziehungen zu anderen Menschen, hier ,Freunde’ genannt. Sobald Sie auf Facebook mit Ihnen kommunizieren, vergessen Sie früher oder später, was Sie niemals vergessen sollten, nämlich, dass Sie sich im öffentlichen Raum bewegen und dass Sie, was Sie heute von sich preisgeben, morgen nicht mehr von sich preisgäben, wenn Sie gewusst hätten, wie andere es weitertragen und was sie daraus machen. Für jedermann einsehbar veröffentlichen Sie Ihre Person als ein Geflecht aus Beziehungen, Einschätzungen, Vorlieben, Abneigungen und machen sich selbst zum Gegenstand unmerklicher und doch totaler Manipulation. Um also Ihre Frage zu beantworten: Nein, Sie dürfen mir Ihre Freundschaftsanfrage nicht senden.“

Hack sah Lisa Fint entsetzt an. „Man kann sich ja unter fremden Namen anmelden“, warf er noch schüchtern ein. „Nützt nichts!“, raunte Lisa Fint. „Ihre Freunde werden Sie und sich unweigerlich verraten, absichtlich oder unabsichtlich, ob Sie es wollen oder nicht. Sie werden ein Sklave Ihrer freiwillig in die digitale Welt posaunten Angaben sein. Man wird Sie besitzen, doch wenn Sie es bemerken, wird es bereits zu spät sein.“

Unter gehaspelten Entschuldigungen zog Hack sich zurück. Lisa Fint, die, wenn auch nicht unter ihrem Namen, selbstverständlich einen Facebook-Account hatte, war zufrieden. Die Geschichte hatte wieder funktioniert. Sie erzählte sie jedem, mit dem sie nichts zu tun haben wollte.

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Quelle: F.A.Z.
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