Home
http://www.faz.net/-gyn-12750
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Dienstag, 14. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kolumne „Herzlichen Glückwunsch zur Beförderung!“

30.04.2009 ·  Ötz, ein Manager kurz vor der Beförderung ahnte Schlimmes. In Frankreich war vor ein paar Wochen ein Manager von seinen Mitarbeitern eine Nacht lang in seinem Büro festgehalten worden. Und nun wurde auch in seiner Abteilung getuschelt, gekichert und hinter seinem Rücken geredet.

Von Georg M. Oswald
Kolumne Bilder (1) Lesermeinungen (1)

Ötz, ein aufsteigender Manager kurz vor der nächsten Beförderung, ging auf dem Flur hinter Kamp und Klos her, die ihn erstens nicht bemerkten und zweitens gerade dabei waren, über die Durchsetzung von Arbeitnehmerinteressen zu reden. „Neue, kreative Formen des Arbeitskampfes sind nötig“, sagte der eine. „Und ob!“, der andere. Als sie beim Lift Ötz schließlich doch bemerkten, grüßten sie ihn betont höflich und wechselten das Thema. In Ötz' Ohren aber klang der nicht für ihn bestimmte Satz noch lange nach. Kamp und Klos waren doch eigentlich ganz vernünftige Mitarbeiter. Was konnten sie damit meinen? Lauerten Abgründe hinter ihrer Höflichkeit?

In Frankreich war vor ein paar Wochen ein Manager von seinen Mitarbeitern eine Nacht lang in seinem Büro festgehalten worden. Unter Hinzuziehung der Medien, versteht sich. In Schottland sollen Mitarbeiter eines Unternehmens dem Geschäftsführer einen nächtlichen Besuch in dessen Privathaus abgestattet haben, nachdem sie die Höhe seines Bonus für das Vorjahr erfahren hatten. Vernünftige Wesen, Menschen, die trainiert waren, bereitwillig Weisungen entgegenzunehmen und zu befolgen, verwandelten sich plötzlich in unberechenbare Bestien! So etwas kannte man sonst nur aus Zombie-Filmen. Ötz achtete seit dem Erlebnis im Flur ein bisschen genauer auf das Verhalten seiner Mitarbeiter.

„Guten Morgen, Herr Ötz!“, flötete seine Sekretärin Frau Lurz. Wie immer. Wirklich wie immer? Oder war da verhaltener Sarkasmus in der Stimme, stille Ironie im Blick? Auch hatte er den Eindruck, dass in seiner Abteilung in letzter Zeit mehr getuschelt wurde. Mitarbeiter, die er früher für loyal gehalten hatte, hörten plötzlich auf zu reden, wenn er um die Ecke kam. Andere steckten die Köpfe zusammen, kicherten und deuteten in die Richtung seines Büros, wenn sie glaubten, er sähe es nicht. Es musste dem Gutgläubigsten auffallen - hier war etwas am Laufen, etwas am Köcheln, etwas im Busch!

Er hoffte inständig, die erlösende Nachricht über seine Beförderung zu erhalten, bevor sich hier noch mehr zusammenbraute. Es war gar nicht mehr zu übersehen, dass diese Leute etwas im Schilde führten. Schließlich war es so weit: Am Schreibtisch sitzend, hörte er Frau Lurz draußen rufen: „Jetzt!“ Sie, Kamp, Klos und weitere Angestellte stürmten das Büro ihres Chefs. Ötz war sich sicher: Ab jetzt war er Geisel. Kamp und Klos stellten einen Karton vor ihm auf den Tisch. Bombe, dachte Ötz. „Aufmachen!“, sagte Kamp. Ötz tat, was er tun musste. Im Karton eine Torte, darauf die Aufschrift: „Herzlichen Glückwunsch zur Beförderung!“

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen