01.12.2011 · Als Honk den Fehler einräumen sollte, hatte er einen Geniestreich: „Wenn ich hätte betrügen wollen, dann hätte ich es doch wohl nicht so offensichtlich getan. Oder wollen Sie mir unterstellen, ich wäre ein Schwachkopf?“
Von Georg M. OswaldHonk, ein berüchtigter Charismatiker, hatte einen rasanten Aufstieg bis in die oberste Führungsspitze des Unternehmens hingelegt, als der schreckliche Fehler aufflog. Als er bemerkt wurde, fiel das Licht der Suchscheinwerfer sofort auf Honk, obwohl er zunächst leugnete, auch nur in der Nähe gewesen zu sein, als der Fehler geschehen war. Sogar von Betrug war die Rede. „Der pure Neid“, war Honks erste Reaktion. Im Übrigen sei gar nicht klar, dass es sich um einen Fehler handle. Und wenn es doch einer sei, sei er doch wohl verzeihlich. Und wenn er verzeihlich wäre, wäre er doch wohl nicht so schlimm. Und wenn er nicht so schlimm wäre, wäre er doch eigentlich, genau genommen, überhaupt kein Fehler.
Honk litt deshalb so gut wie gar nicht unter der Last, einen Fehler begangen zu haben, aber doch sehr unter der Unfähigkeit seiner Neider, dies endlich zu begreifen. Honk fand es ermüdend, wenn nach geschäftlichen Fehlentscheidungen, strategischen Pannen, taktischen Missgriffen die Entscheider nach langem Ringen erklärten, sie übernähmen „die volle Verantwortung“ für ihr Handeln. Auf so eine Erklärung konnte er gut und gerne verzichten. Er kündigte ein Sabbatical an. Die Neider würden bald verstummen. Aus dem Staub zu den Sternen, wieder in den Staub und zurück zu den Sternen war nun insgeheim sein Motto. Aber die Neider ließen nicht locker. Sie wollten die Schuldfrage geklärt haben. Honk sollte den Fehler einräumen, selbst jetzt noch. Doch dann hatte er die Idee. Es war nicht weniger als ein Geniestreich! „Wenn ich hätte betrügen wollen, dann hätte ich es doch wohl nicht so offensichtlich getan. Oder wollen Sie mir unterstellen, ich wäre ein Schwachkopf?“
Wer nun erwartet hätte, Honk wäre mit diesem Argument nicht weit gekommen, sah sich getäuscht. Zwar gab es einige, die diese Haltung als leichtsinnig und kindisch abtaten. Mindestens ebenso viele aber hielten Honk beinahe schon wieder für so charismatisch wie zuvor. Die Neider aber nannten ihn einen Blender. Honk brachte sie zum Schweigen. „Wenn ich die Absicht hätte zu blenden, würde ich es doch wohl nicht so offensichtlich tun. Oder halten Sie mich für einen Schwachkopf?“
Da trat Kipp auf den Plan, der Aufsichtsratsvorsitzende, und beendete Honks Beschäftigungsverhältnis mit sofortiger Wirkung. Honk bat ihn, wegen der verheerenden Außenwirkung, die Kündigung in einen Aufhebungsvertrag umzuwandeln. Kipp lehnte ab und sagte: „Wenn ich nicht die Absicht hätte, fristlos zu kündigen, würde ich es doch wohl nicht so offensichtlich tun. Oder halten Sie mich für einen Schwachkopf?“
Das Ende
Christian Dettmeier (Christian-De)
- 09.12.2011, 18:17 Uhr