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Kolumne Gesprengte Fünferbande

Gleiche Kleidung, ähnlicher Urlaub, immer noch die erste Ehe - das Führungsquintett wirkte absolut harmonisch und unzertrennlich. Doch dann geschah das Unfassbare ...

© Cyprian Koscielniak

Kahl, Ochs, Stein, Bach, Köpf. Mit diesen fünf Top-Leuten war die Geschäftsleitung nun schon seit acht Jahren besetzt. Nicht, dass sie das Unternehmen in schwindelerregende Höhen geführt hätten, aber sie hatten es sicher durch die Krise gelenkt, und das war nicht wenig. Das Vertrauen der Aktionäre wie der Belegschaft war groß, und wenn von ihnen als die „Fünferbande“ gesprochen wurde, war das nicht schmählich, sondern beinahe liebevoll gemeint.

Es war auch wirklich so, dass sie stets zu fünft auftraten und dabei ein Bild stabiler Geschlossenheit abgaben. Hinzu kam, dass sich im Lauf der Jahre ihr Kleidungsstil immer mehr angenähert hatten. Sie pflegten viele übereinstimmende Gewohnheiten, von denen das rituell gemeinsam eingenommene Mittagessen nur eine für jedermann sichtbare war. Alle fünf lebten sie, trotz fortgeschrittenen Alters noch in erster Ehe und hatten Kinder. Die Urlaubsziele glichen sich, manchmal absichtlich, manchmal, wenn man davon überhaupt noch sprechen konnte, zufällig. In geschäftlichen Besprechungen waren sie gefürchtet, weil sie, zumindest nach außen, stets gleicher Ansicht waren und jeder von ihnen schon im Voraus zu wissen schien, was die anderen sagen würden.

Sofern es je Differenzen zwischen ihnen gab, waren sie nicht zu bemerken und wurden offenbar hinter verschlossenen Türen besprochen und ausgeräumt. Auch physiognomisch und in ihrer Art zu sprechen passten sie sich immer mehr an. Wie ein mythischer Rat der Weisen, der zwar aus fünf Köpfen besteht, jedoch eine organische Einheit bildet, hielten sie das Unternehmen in ruhigem, sicherem Fahrwasser.

Dann jedoch geschah das Entsetzliche. Köpf, der Älteste von ihnen, hatte nach reiflicher Überlegung beschlossen, fünf Jahre früher als vertraglich geregelt in den Ruhestand zu gehen. Er konnte sich das leisten, das wussten alle, aber niemand hatte damit gerechnet. Doch nach dem ersten Schock gingen sie auch mit diesem Problem in gewohnter Weise um. Schnell hatten sie sich geeinigt, wie sie fortfahren würden. Der scheidende Köpf selbst schlug die Formulierung für die Ausschreibung seiner neu zu besetzenden Stelle vor.

“Sie sind offen für das Neue, flexibel und anpassungsfähig, belastbar und innovativ. Sie freuen sich auf Entwicklungsmöglichkeiten in einem sich wandelnden Umfeld...“

Kahl, Ochs, Stein und Bach wechselten Blicke. Das war nicht unbedingt der Wortlaut, der es traf, fanden sie. Aber warum nicht jemandem, der möglicherweise ganz unvoreingenommen an die Sache heranging, eine faire Chance geben?

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Quelle: F.A.Z.

 
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