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Veröffentlicht: 04.12.2007, 12:51 Uhr

Kolumne Gerber spielt mit

Quieken und rätselhafte Zwischenrufe, auf die sich Gerber keinen Reim machen kann. Aber er zieht die Sache durch, bis ... - die wöchentliche Kolumne in Beruf & Chance.

von Georg M. Oswald
© Cyprian

Die Chance zur Wertschöpfung", sagte Gerber, fasste sich an den Krawattenknoten und lächelte, als ob er nun frech genug wäre, ein echtes Geheimnis zu verraten, "die Chance zur Wertschöpfung können wir nur zielführend nutzen, wenn wir auf die bilateralen Synergieeffekte unserer Corporate Identity setzen."

Als er vom Beamer zurück zum Rednerpult ging, bemerkte er ein Getuschel auf der linken vorderen Seite im Publikum.

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"Aber dieses Ergebnis bekommen wir nicht geschenkt. Wir müssen uns schlau machen, das heißt: so viele Infos saugen wie nur möglich. Und natürlich, das will ich nicht verschweigen, müssen wir eine Menge Geld in die Hand nehmen."

Jetzt schien rechts im Publikum etwas passiert zu sein. Eine Frau verkniff sich ein Quieken. Vielleicht hatte sie was verschüttet.

"Wir haben uns eine Benchmark gesetzt, die wir unseren Leuten nachhaltig kommunizieren müssen. Risikoanalysen haben ergeben, dass in Unternehmen unserer Größenordnung, also auf dem Weg zum Global Player, die emotionale Anbindung der Mitarbeiter einer der Hauptfaktoren für das Erreichen von Total Quality ist."

Ein Mann in den hinteren Reihen rief: "Yep!"

Gerber war etwas verwundert über diese allzu erfreute Zustimmung.

"Das bedeutet, um unsere Visionen verwirklichen zu können, müssen wir qualitätsorientiert auf unsere Kunden zugehen. Und das wiederum kann nur gelingen, wenn wir die Energien unserer Mitarbeiter auf dieses Szenario fokussieren."

Gerber war beinahe beunruhigt, dass nach diesem Gedanken die eindeutige Zustimmung ausblieb. Aber gut, es war nicht jedermann angenehm, wenn man klare Ansagen machte.

"Wir sollten uns also nichts vormachen: In der momentanen Liefersituation müssen wir uns die Bälle so zuspielen, dass wir im Sinne der Kundenorientierung keine oder doch möglichst geringe Reibungsverluste generieren."

Eine Frau direkt vor ihm rief: "Bingo! Ich habe fünf! Ich bin fertig!"

Gerber war es jetzt genug. Er fragte: "Sagen Sie mal, was machen wir denn hier eigentlich?"

"Wir spielen Bullshit-Bingo! Und ich habe als Erste fünf Reihen vollgekriegt!", antwortete die Frau, noch immer ganz begeistert.

Gerber war entsetzt. Von diesem Spiel hatte er gehört, aber dass es ihm passieren könnte, hätte er nie geglaubt. Wie kam er da jetzt raus? Gute Miene zum bösen Spiel. Er schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn, lachte und rief:

"Okay, ich hab's gesaugt!"

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