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Kolumne Ganz und gar durchschnittlich

Wetz war seit drei Jahren bei SKYROCKET DEVELOPMENT angestellt. Damals hatte man eine Exzellenz-Offensive zur Erringung des Triple-A-Status gestartet. Eine Beförderung wurde Wetz bei jeder Beurteilung in Aussicht gestellt.

© Cyprian Koscielniak Vergrößern

Morgens um sechs meldete sich Wetz’ Handy mit dem Weckton, den er ausgewählt hatte: dem Anfangs-Riff von Eye of the Tiger. Er schlüpfte in sein Jogging Dress mit der Aufschrift DO IT BETTER und lief dreißig Minuten. Anschließend duschte er mit Victory Gel, rubbelte sich mit einem Formula-Uno-Handtuch ab und kleidete sich an. Bei Unterwäsche, Socken und Anzug hatte er sich für Produkte der Firma SCHEFF entschieden. Er frühstückte seine Spezialmüslimischung, die er sein Breakfast of Champions nannte, und fuhr mit seinem Fahrrad Marke EXTREME CHALLENGE zur U-Bahn.

Auf der Fahrt ins Büro begegnete ihm ein Kollege aus einer anderen Abteilung. Während Wetz darüber nachdachte, ob er mit diesem möglicherweise trotzdem in einem Konkurrenzverhältnis stehe, erörterten sie ihre Einschätzung des mangelhaften Leistungswillens gewisser Profisportler. Nachdem dazu alles gesagt war, verglichen sie ihre Smartphones miteinander. Erleichtert stellte Wetz fest, dass sein Kollege, wie er, über einen Premium-Account verfügte, nicht etwa über einen höherwertigen Platin-Account, den Führungskräfte bekamen.

Das eröffnete die Möglichkeit, sich über Karrieremöglichkeiten zu unterhalten. Wetz sprach über seine Arbeit, als wolle er seinen Aufgabenbereich nicht größer erscheinen lassen, als er ist, wobei diese ausdrückliche Bescheidenheit gerade das Gegenteil zum Ausdruck bringen sollte. Er sprach über geschäftliche Entscheidungen der höheren Ebenen, als wäre er daran beteiligt, nur um dann zu betonen, er sei nicht daran beteiligt. Sein Kollege machte es genauso. Als sie über die Generallinie des Unternehmens, die Roadmap to Success, sprachen, gaben sie sich kritisch, fachmännisch und nicht leicht zu beeindrucken, so als wäre sie ihnen gerade zur Beurteilung vorgelegt worden. Als sie auseinandergingen, rätselte Wetz, an welchen Stellen sein Kollege übertrieben oder gar gelogen hatte und an welchen beunruhigenderweise nicht.

Wetz war seit drei Jahren bei SKYROCKET DEVELOPMENT angestellt. Damals hatte man eine Exzellenz-Offensive zur Erringung des Triple-A-Status gestartet. Das Einstiegslevel, auf dem sich Wetz heute noch befand, trug die Bezeichnung Premium-Accountant. Wetz’ Beförderung wurde in jeder Beurteilung mit Begeisterung befürwortet, aber es hieß, das wäre bei jedem so. In seiner Selbstauskunft über die Qualität seiner beruflichen Leistungen wählte Wetz von verschiedenen vorgegebenen Bewertungen „übertrifft die durchschnittlichen Anforderungen deutlich“. Mit dieser Bewertung beschrieben mehr als achtzig Prozent der Mitarbeiter ihre eigene Leistung, mit anderen Worten: der Durchschnitt.

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Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Quelle: F.A.Z.

 
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